Rüdiger Zimmermann, Leiter der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, ist zu recht stolz auf die Schätze in seiner Katakombe, beherbergt sie doch mit rund 900 000 Druckwerken die weltweit
größte Sammlung von Publikationen, die sich mit der Gewerkschaftsbewegung befassen.
Dem "Grundstein" ist der physische Zerfall schon anzusehen. Ein probates Gegenmittel hat die Friedrich-Ebert-Stiftung nun ins Netz gestellt: Digitalisierte Gewerkschaftspublikationen, die
Zeitschriften der freien Angestelltenbewegung von 1897 bis 1933. Zimmermann sieht darin nicht nur eine Rettung gewerkschaftlicher Quellenbestände, sondern, die Publikationen sind für jedermann
erreichbar, auch eine Demokratisierung des gewerkschaftlichen Gedächtnisses.
"Ein seit langer Zeit gehegter Wunsch derjenigen Handlungsgehülfen und Gehülfinnen, welche im Gegensatz zu den Angehörigen der alten kaufmännischen Vereine eine Harmonie der Interessen von
Prinzipal und Gehülfe nicht anerkennen, ist mit dem 1. Juli d.J. in Erfüllung gegangen. An diesem Tage hat der neugegründete 'Centralverband der Handlungsgehülfen und Gehülfinnen' seine
Wirksamkeit begonnen …", verkündet die Nummer 1 des "Handlungsgehülfen-Blattes", das im Juli 1897 in Hamburg erschienen ist.
Vom "Handlungsgehülfen-Blatt zum
"Der freie Angestellte"
"Eine Hauptwaffe im Kampf, ein ständiger Agitator für unsere Sache, ein sichtbares Band der Interessengemeinschaft für unsere Mitglieder soll das 'Handlungsgehülfen-Blatt' werden",
schreiben die Herausgeber auf der Titelseite. Gedruckt wird diese Gewerkschaftszeitung beim Sozialdemokraten Ignaz Auer. Aus dem "Centralverband der Handlungsgehülfen" wird später der
Zentralverband der Angestellten (ZdA) und aus dem "Handlungsgehülfen-Blatt"wird "Der freie Angestellte".
Die gewerkschaftliche und publizistische Kontinuität der freien Angestelltenbewegung ist nunmehr im Internet-Auftritt der F
riedrich-Ebert-Stiftung als einzigartiges Digitalisat für die große Öffentlichkeit zugänglich. Die Gewerkschaftspublizistik spiegelt Alltag wider, etwa mit
Berichten aus der Arbeitsgerichtsbarkeit, sowie die großen politischen Kämpfe jener Zeit.
Die AfA-Bundeszeitung, das Funktionärsorgan des Allgemeinen freien Angestelltenbundes, belegt in ihren letzten Ausgaben 1933, wie die sozialdemokratisch orientierte Angestelltenbewegung
unter Führung von Siegfried Aufhäuser den Nazis entgegengetreten ist. Die AfA-Bundeszeitung ist beim Vorwärts Buchdruck in Berlin gedruckt worden.
Vorausgegangen ist die Digitalisierung des gewerkschaftlichen Theorieorgans "Die Arbeit", zwischen 1924 und 1933 herausgegeben vom Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund, sowie der
"Gewerkschaftlichen Monatsheften" des
DGB von 1950 bis 2004. Die Digitalisierung, finanziell unterstützt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, ist eingebettet in das Kooperationsprojekt
"Gewerkschaftsgeschichte" der Friedrich-Ebert-Stiftung und der
Hans-Böckler-Stiftung.
Digitalisierte Gewerkschaftsgeschichte
Die heterogene Zusammensetzung der Angestelltenschaft, die gesellschaftlichen Wandlungsprozesse der Arbeitswelt der Angestellten sowie die sich abzeichnende Tertiarisierung beeinflussten
die Entscheidung, sich diesem Segment der Gewerkschaftsbewegung für das Projekt zuzuwenden, begründet Ursula Bitzegeio von der Friedrich-Ebert-Stiftung.
Wichtig ist ihr ebenso, dass in den Publikationen auch der Blick auf die spezifischen Problemlagen der weiblichen Angestellten gerichtet wird. So findet sich im Digitalisat auch die
"Rundschau für die Frau" des ZdA. "Gewerkschaftszeitungen zu bewahren und zugänglich zu machen, hat die Friedrich-Ebert Stiftung als wichtige Aufgabe erkannt und mit der Digitalisierung dieser
Quellen einen zeitgemäßen Weg beschritten.
Ein großartiges Projekt der Friedrich-Ebert-Stiftung. Es eröffnet neue Dimensionen in der Aufarbeitung der Gewerkschaftsgeschichte und wird den Erkenntnishorizont deutlich erweitern", lobt
Hartmut Simon, Leiter des Archivs beim ver.di-Bundesvorstand, die Digitalisierung der frühen Angestelltenpublizistik, sieht sich ver.di doch in der Tradition der Angestelltenbewegung.
Die digitalisierten Publikationen der freien Angestelltenbewegung bis 1933 ist zu finden
unter der Website
www.fes.de und zwar unter Bibliothek/Digitale Bibliothek/Zeitschriften-Digitalisierungen/Das gedruckte Gedächtnis der Tertiarisierung - eine leider wenig
einleuchtende Adressierung.







