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Comeback der Stadtwerke

Yvonne Holl • 22. December 2010

2006 hat Bergkamen die Müllabfuhr zur Stadt-Sache gemacht und konnte so die Abfallgebühren senken.
2006 hat Bergkamen die Müllabfuhr zur Stadt-Sache gemacht und konnte so die Abfallgebühren senken. Foto: EBB Bergkamen

Als Roland Schäfer 1989 als Stadtdirektor nach Bergkamen kam, waren sämtliche kommunalen Dienstleistungen an private Unternehmen vergeben. Stadtwerke hatte es in der 50 000-Einwohner-Stadt in Nordrhein-Westfalen bis dato nicht gegeben. Denn die Stadt im Kreis Unna war erst 1965 aus fünf kleinen Gemeinden entstanden. Damit lag Bergkamen durchaus im Trend der Zeit. In den 90er Jahren privatisierten Städte und Gemeinden in der ganzen Republik ihre vermeintlich nicht rentabel selbst zu bewirtschaftenden
Versorgungseinrichtungen. Eine Überzeugung, die Schäfer nicht teilen wollte.

Selbst "richtig Geld machen"
1994 sollte die Konzession für den Stromversorger auslaufen. Der wollte den Vertrag gerne vorzeitig verlängern. Doch Schäfer ließ prüfen, ob Bergkamen die Versorgung selbst übernehmen könnte. Wenn private Firmen scharf auf den Auftrag sind, dann, so seine Schlussfolgerung, müsse da "richtig Geld zu machen sein".Das wollte er lieber im Stadtsäckel wissen, als auf der Habenseite eines Unternehmens. Schäfer behielt Recht. Seit 1998 ist er hauptamtlicher Bürgermeister in Bergkamen, und Bergkamen eine Stadt, die sich selbst versorgt. Strom, Gas, Wasser und Fernwärme sind in städtischer Hand, ebenso Müllabfuhr, Straßenreinigung; sogar Telefon und Internet werden angeboten. Einzig die Gebäudereinigung ist inzwischen vollkommen privatisiert.

Bei der Kommunalisierung setzt Bergkamen auf Verbünde. So gründete die Stadt 1995 interkommunale Stadtwerke mit zwei Nachbargemeinden. Jetzt versorgen die Gemeinschaftsstadtwerke Kamen - Bönen - Bergkamen alle drei Orte mit Strom und Gas. Auf die Frage nach dem Erfolg könne Roland Schäfer einfach nicht anders, als mit einem breiten Grinsen zu antworten: "Ja", sagt er schlicht, "die Stadtwerke werfen Gewinne ab". Und, nein, Nachteile kann er bis heute nicht sehen. Zwar musste Bergkamen zunächst Kredite aufnehmen, aber die haben sich als gute Investition erwiesen.

Bergkamen hat seine Freizeiteinrichtungen, zwei Schwimmbäder und eine Eissporthalle, in die Stadtwerke eingebracht. So werden die Kosten in Höhe von rund zwei Millionen Euro jährlich, die früher den Haushalt belasteten, von den Einnahmen durch Strom- und Gasverkauf ausgeglichen. Obwohl Bergkamen Abgaben für die Nutzung der Energienetze zahlen muss, bleiben immer noch Gewinne übrig, 2009 immerhin 420 000 Euro.

Finanziell ging die Rechnung also auf. Auch in anderen Bereichen: So konnte die Straßenreinigungsgebühr um ein Viertel gesenkt werden, seit diese Arbeit vom Baubetriebshof der Stadt erledigt wird.

Bürgerwünsche werden erfüllt
Bergkamen hat noch mehr von der Eigeninitiative: "Die Motivation für die Kommunalisierung war finanzieller Natur. Später haben wir gemerkt, das es auch ein Gestaltungsmittel ist", sagt Schäfer. Anders als eine private Firma, die rein gewinnorientiert wirtschaftet, kann eine Stadt auch auf anderes achten: Arbeitsplätze, die nach Tarif bezahlt werden und in der Region angesiedelt sind, Auftragsvergaben an mittelständische, heimische Unternehmen statt an den billigsten Anbieter aus dem Ausland.

"Das ist auch eine Form der Wirtschaftsförderung", sagt der Bürgermeister. Zudem können Bürgerwünsche berücksichtigt werden. So haben sich die Bergkamener mehr Erdgasmobilität gewünscht - die Stadt hat eine Tankstelle initiiert, eigene Flotten umgerüstet. Bürger wollten Solaranlagen - die Stadtwerke fördern sie jetzt. Vom Stromspartarif ohne Grundgebühr "für die Bergarbeiterwitwe", wie Schäfer sagt, über niedrige Schwimmbadpreise: Der Spielraum ist immens.

Derzeit werden im Stadtgebiet Glasfaserkabel verlegt - von einer Tochtergesellschaft der Stadt. Diese soll schnelle Internetverbindungen gewährleisten, was bei den klassischen Anbietern wie Telekom und Vodafone im ländlichen Raum schon lange nicht mehr der Fall ist. Für Privatleute mag es unangenehm sein, wenn E-Mails Stunden brauchen um anzukommen. Für Firmen ist es ein Grund, in Ballungsräume zu ziehen. Bergkamen hat reagiert. "Auch das ist für mich Wirtschaftsförderung", sagt Roland Schäfer.

Laut Verband kommunaler Unternehmen ist die Rekommunalisierung "längst mehr als ein Trend". Seit 2007 wurden mehr als 30 Neugründungen von Stadt- und Gemeindewerken beschlossen und 100 neue Konzessionsverträge zur Energieversorgung durch Stadtwerke abgeschlossen. Da bis 2016 bundesweit die meisten der Strom- und Gasnetzkonzessionsverträge auslaufen, könnte sich der Trend fortsetzen.

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