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Über den Tisch gezogen

Yvonne Holl • 19. December 2010

Foto: Rainer Sturm / pixelio.de
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

Frau Berger, in Ihrer Firma gab es immer wieder Entlassungen. Warum waren Sie dennoch so überrascht, als es sie traf?
Komischerweise habe ich nie damit gerechnet. Obwohl ich gesehen habe, dass Mitarbeiter und Kollegen gekündigt wurden, ohne dass ihre Arbeitsleistung oder Qualifikation eine Rolle gespielt hat.

Sind Sie wütend?
Ja, vor allem über den Umgang der Firma - mit mir und anderen Mitarbeitern. Über die Jahre wurden immer mehr Abteilungen in Tochterunternehmen verwandelt, die dann immer schlechtere Arbeitsbedingungen zur Folge hatten. Es gab keine Tarifverträge mehr, die Mitarbeiter wurden immer jünger, hatten immer unsichere Verträge und schlechtere Bezahlung. Als ich noch in der Firma war und mit meinem Job eigentlich zufrieden, habe ich das beobachtet, aber auch hingenommen. Im Nachhinein sage ich natürlich: So ein Geschäftsgebaren geht gar nicht.

Auch Sie waren mehrmals in Tochterfirmen gewechselt, weshalb Ihnen später die 15 Jahre im Konzern nicht anerkannt wurden. Bei der Höhe der Abfindung mussten Sie deshalb erhebliche Einbußen in Kauf nehmen.
Mich hat das auch verletzt. Für mich ging es um eine große Summe, für das Unternehmen aber nicht. Ich habe das so empfunden: Man erfüllt und übererfüllt alle Anforderungen, die an einen gestellt werden, macht Überstunden, verzichtet auf Urlaub. Und wenn es dann im Nachhinein um die Abfindung geht, wird man schäbig behandelt. Deshalb empfehle ich jedem, sich vor jeder Unterschrift im Berufsleben juristisch beraten zu lassen.

Haben wir in Deutschland ein Problem mit der Unternehmenskultur, wenn Arbeitgeber ihre Arbeitnehmer auf diese Weise behandeln?
Ja, fair ist was anderes. Würden sich die Mitarbeiter das immer bewusst machen, würden sie sich viel egoistischer und rücksichtsloser verhalten. Um ihre Loyalität wäre es dann sicher auch schlechter bestellt.

Also profitieren die Arbeitgeber davon, dass Mitarbeiter etwas naiv oder vertrauensselig sind?
Genau. Das führt auch zu menschlichen Enttäuschungen. Beispielsweise habe ich mich immer sehr gut mit unserem Personalreferenten verstanden. Und auf einmal wurde mir klar, dass er mich all die Jahre über den Tisch gezogen hat.

In Ihrem Buch beschreiben Sie auch, wie belastend Treffen mit Kollegen und Freunden waren. Ihre Mutter hat Ihnen auf einmal wieder Taschengeld zugesteckt. Wie verändert sich ein Mensch in der Wahrnehmung von anderen, wenn er arbeitslos wird?
In erster Linie verändert sich die Eigenwahrnehmung. Man hat das Gefühl, weniger wert zu sein, weil man keine Arbeit hat - und auch noch selber schuld zu sein.

Wer gibt einem dieses Gefühl?
Das steckt, glaube ich, in jedem von uns. Weil bezahlte Arbeit so einen hohen Stellenwert hat. Ich hatte permanent das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. Und als ich den Gründungszuschuss erhielt, haben sich Bekannte gewundert, dass meine Selbstständigkeit noch "so schön finanziert" wird.

Obwohl das ja eine Notlösung war, weil Sie keine Stelle fanden. Und als Hauptverdienerin einer vierköpfigen Familie auf ein Einkommen angewiesen sind.
Viele sehen das aber nicht. Dann kam noch Guido Westerwelle mit seinem Spruch von der spätrömischen Dekadenz. So etwas wird dann auch schnell aufgegriffen. Wer betroffen ist, fühlt sich noch schlechter.

Kein gutes Bild gibt die Arbeitsagentur in Ihrer Schilderung ab.
Ich hatte erwartet, man geht da hin, weil der Fall eingetreten ist, für den man in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt hat, und bekommt Unterstützung. Stattdessen wird einem von vornherein mit Sanktionen gedroht, Druck aufgebaut.

Wie hilfreich waren die Jobvermittler?
Eine Vermittlung, oder auch nur der Versuch, hat nicht stattgefunden. Es ist alles sehr unpersönlich. Die Jobberaterin hat auf ihren Bildschirm gestiert und irgendwelche Daten eingegeben. Zwischendurch stellte sie Fragen, die nichts mit meiner Situation zu tun hatten. Dann erklärte sie mir, dass ich mit Familie sowieso keine Chance hätte, eine Stelle zu finden.

Wie haben sie sich dabei gefühlt?
Es war demütigend, frustrierend und absolut destruktiv. Und ich weiß, dass es nicht nur mir so ging.

Wie geht es Ihnen derzeit mit ihrer Selbstständigkeit?
Im Moment läuft es gut. Die Arbeit macht mir auch Spaß. Ich bin zeitlich flexibler, das ist schön mit Familie.

Aber?
Die Unsicherheit,wie es in Zukunft weiter geht, ist immer da.



Julia Berger: Gefeuert - Mein Leben nach der Kündigung
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2010,
240 Seiten, 12,90 Euro, ISBN 978-3-423-24832-7

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