Mag sein, dass ein ehemaliger Bundesbankvorstand sich später bei fortgeschrittener Demenz sogar eine legale polnische Pflegekraft leisten kann. Wer heute aber schon auf Abschottung setzt, sollte beizeiten einen Notvorrat anlegen, damit er später nicht verhungert, und sich gut überlegen, wer ihm später mal im Heim den Hintern abwischen wird.
Auf der Titanic waren übrigens nicht alle Rettungsboote voll belegt, als man sie zu Wasser ließ. Und dass hauptsächlich Passagiere der Billigklasse krepierten, lag weniger am bösen Willen der Offiziere. Es war konstruktionsbedingt. Die Zugänge zum Oberdeck waren den Billig-Passagieren versperrt.
Als nach der Maueröffnung in Berlin verstärkt bettelnde oder einfach nur arme, auf jeden Fall befremdende Menschen auftauchten, kinderreich und gleich der Gruppe der Roma zugerechnet, da dachte ich: Prima. Endlich haben wir die Empfänger der weihnachtlichen Fernsehspendengala mal direkt vor der Haustür sitzen. Da lernt man das Elend, das man mit seinem Reichtum schon seit Jahren in der Welt angerichtet hat, endlich mal persönlich kennen, herzlich willkommen. Politiker und viele Wähler sahen das anders.
Seither hat sich ein unbestimmtes Gefühl der Bedrohung breit gemacht. Jeden kann es treffen, heute noch Abteilungsleiter, morgen schon Hartz IV. Heute noch putzmunter, morgen schon vom überarbeiteten Arzt im Krankenhaus zu Tode behandelt. Da sucht man sich seinen privaten Ausweg, versichert sich zusätzlich, baut auf private Absicherung und scheißt auf den Staat. Deutschland ist kein volles Boot. Deutschland ist ein Hafen voller voller Boote.
Einige gesetzliche Krankenkassen bieten gegen Aufpreis jede Menge Schnickschnack, mit dem sich das Mitglied privat versichert fühlen kann, ein bisschen wenigstens. Wie schön, dass ich mal einen aus Funk und Fernsehen bekannter Sozialberater traf. Der Mann beschäftigte für seine öffentlichen Beiträge im Hintergrund eine Schar von Juristen, verdiente jede Menge Kohle. Nach seiner Krankenkasse gefragt, lachte er schallend. AOK natürlich, seit 35 Jahren. Er sei doch nicht bescheuert. Nur fürs Einzelzimmer im Krankenhaus zahle er. Der Mann ist seither mein Vorbild, nur fürs Einzelzimmer spare ich noch.
Wir kennen die Bilder von Rentnerparadiesen in Florida, "gated communities", gerne auf abgeschotteten Halbinseln gelegen, am Gate, am Tor also, ein unterbezahlter Wachmann, drinnen die Hölle in Flieder und Beige, eigene Verkehrsregeln für Rollatoren im Porsche-Design. Man kann das auch offenen Geriatrievollzug nennen oder "Big Brother" für Besserverdienende. Ich hätte keine Lust, den Tag totzuschlagen mit Gesprächen über Verdauung und Hüftprobleme.
Exklusivität ist immer eine Frage des Standpunktes. Auch im Bildungsbereich. Wo Schulbezirke aufgehoben werden, gibt es immer mehr Mütter, die den Nachwuchs morgens im Geländewagen zur 15 Kilometer entfernten Grundschule bringen, nur weil diese im nationalen Bastelranking einen vorderen Platz erreicht hat.
Ich lernte mal einen türkischen Familienvater kennen, der, durch Fleiß zu Geld gekommen, seine Kinder auf die Waldorfschule schickte. Nach einem halben Jahr meldete er sie wieder ab. Joghurt machen und Filzpantoffeln herzustellen, das hätten sie auch bei der Oma auf dem Dorf in Anatolien gelernt, wohin er sie konsequenter Weise auch sogleich verfrachtete. Im Grunde bin ich in solchen Fragen auch anatolischer Bauer, mit dem Unterschied, dass meine Tochter am Gymnasium um die Ecke ihr Abitur gemacht hat.
Es gibt bekanntlich eine Partei, der alles Gemeinschaftliche gleichmachend ist und damit schlecht. Sie fuhr lange unter der Flagge der heiligen Privatisierung. Auch da haben sich die Zeiten
geändert. In den 70-er Jahren hießen Radikale, die für ein Absterben des Staates waren, Anarchisten und waren in der RAF. Heute heißen sie Westerwelle und sind in der FDP.
Martin Kaysh ist Kabarettist, Alternativkarnevalist ("Geierabend") und Blogger. Er lebt
im Ruhrgebiet, freiwillig.







