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Icon   Interview mit Karin Kortmann

Engagementverdrossenheit?

Thomas Bibisidis • 26. December 2010

Teamgeist ist gefragt. S. Hofschlaeger / pixelio.de
Teamgeist ist gefragt. S. Hofschlaeger / pixelio.de

Thomas Bibisidis: Vervollständige bitte diesen Satz: "Bürgerschaftliches Engagement ist wichtig, weil…"
Karin Kortmann: …es Teilhabechancen eröffnet und den Zusammenhalt in der Gesellschaft stärkt.

Du warst 1999 Sprecherin der Enquete-Kommission "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements". Wo siehst Du heute noch den größten Handlungsbedarf?
Bürgerschaftliches Engagement ist immer noch sehr mittelschichtsorientiert. D. h. es engagieren sich überwiegend Personen, die sozial integriert sind, ein gesichertes Einkommen und einen festen Freundes- und Bekanntenkreis haben. Die weniger sozial und materiell gefestigten Menschen erreichen wir nach wie vor noch zu wenig.

Viele Verbände mit ehrenamtlicher Struktur klagen über Nachwuchssorgen und verweisen auf die "Engagementverdrossenheit" junger Menschen oder beklagen ein nachlassendes "Wir-Gefühl". Haben Sie damit Recht?
Nein, denn junge Menschen haben bei ihrem Engagement oftmals andere Vorstellungen als die, die traditionelle Vereins- und Verbandsarbeit zulässt. Das Gefühl, sich für eine längere Zeit binden zu müssen, schreckt viele von ihnen eher ab. Verbände müssen akzeptieren, dass es neben einem "lebenslangen" Engagement auch ein so genanntes Lebensabschnittsengagement gibt.

Was müssen Verbände darüber hinaus tun, damit junge Menschen wieder den Weg in einen Verband finden?
Will man junge Menschen erreichen, müssen deren Motive, Interessen und individuellen Lebenslagen stärker in den Blick genommen werden. Neben Angeboten, die auf einen längeren Zeitraum angelegt sind, müssen zeitlich begrenzte Angebote mit konkreter Zielsetzung geschaffen werden. Für alle Engagementformen gilt jedoch, den Ehrenamtlichen durch Qualifizierungsangebote die notwendigen Grundlagen für die Wahrnehmung der jeweiligen Aufgabe zu vermitteln und sie gleichzeitig bei der Weiterentwicklung ihrer Persönlichkeit zu unterstützen.

Kaum ein Thema wird zurzeit in der politischen Diskussion und in der öffentlichen Wahrnehmung so kontrovers diskutiert wie die Integrationspolitik. Kann Bürgerschaftliches Engagement hier Brücken bauen?
Ja, weil bürgerschaftliches Engagement nichts Staatliches und "von oben" Verordnetes ist. Es werden an das Engagement keine Voraussetzungen geknüpft. Bürgerschaftliches Engagement setzt auf das Prinzip der Freiwilligkeit, wo sich Menschen mit ihren ganz eigenen Lebensgeschichten begegnen können. Und darum geht es. Räume für Begegnungen und gemeinsame Erlebnisinseln zu schaffen. Das kommt nicht von alleine. Nur so kann ein interkulturelles "Wir-Gefühl" entstehen, das unsere Gesellschaft zusammenhält.


Karin Kortmann ist Vorsitzende der SPD-Düsseldorf und Mitglied der AWO.

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