Eigentlich könnte alles so einfach sein. Dass es den Klimawandel mit all seinen Folgen gibt, ist - abgesehen von ein paar ewig Skeptischen - globaler Konsens. Und sogar die Möglichkeiten, "um
drei oder vier Klimakrisen zu bewältigen", stehen der Menschheit zur Verfügung. "Jetzt fehlt nur noch der gemeinsame Wille", wie Al Gore treffend feststellt.
Und doch: Dieses "nur noch" ist entscheidend. Dass der globale Wille, sich dem Klimawandel zu stellen und alles Menschenmögliche dagegen zu unternehmen, weiterhin fehlt, zeigt sich zurzeit
eindrucksvoll beim
16. Weltklimagipfel im mexikanischen Cancún.
Zugegeben, es ist nicht einfach, dem Klimawandel zu begegnen. "Wenn wir uns für den Kampf gegen die Klimakrise entscheiden, sind damit ungeheure systemische Veränderungen verbunden",
schreibt Al Gore in seinem Buch "Wir haben die Wahl". Und er erklärt auch, wie diese aussehen müssen.
Die Rettung der Gesellschaft
Angefangen bei der Frage, "Woher kommt unsere Energie und wohin fließt sie?" erklärt der frühere US-Vize-Präsident, welche Gase das Klima schädigen, wie CO2 entsteht und welche
Energieträger welchen Wirkungsgrad besitzen. Gore nimmt die Erneuerbaren Energieträger von der Sonne, über Windkraft und Erdwärme bis zum Raps und anderen nachwachsenden Rohstoffen unter die
Lupe. Auch die Bedeutung der "Krisenbranche" Atomkraft sowie der CO2-Abscheidung (CCS, Carbon Capture and Storage) beschreibt er.
Im zweiten Teil geht Al Gore auf die Bedeutung der Wälder, des Bodens und der Entwicklung der Weltbevölkerung beim Kampf gegen den Klimawandel ein. Er verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz,
in dessen Zentrum eine kollektive Entscheidung steht: "Wir müssen uns dafür entscheiden, die Rettung der Zivilisation zum Dreh- und Angelpunkt unseres politischen, wirtschaftlichen und
gesellschaftlichen Handelns zu machen."
Welche Maßnahmen dafür ergriffen werden müssen, legt Gore schließlich im letzten Teil seines Buchs dar. Sein Plan zielt darauf, bei der Energieerzeugung und -nutzung den Wirkungsgrad weiter
zu erhöhen, intelligente Stromnetze aufzubauen und die "wahren Kosten" des Kohlenstoffdioxids zu erfassen, also einen globalen CO2-Handel zu etablieren. "Die Menschheit steht nun vor der
Mammutaufgabe, die Infrastruktur und Technologie bereitzustellen, die für einen umfassenden und raschen Wechsel von Kohle, Öl und Gas hin zu Erneuerbaren Energien notwendig sind." Das sind keine
wirklich neuen Erkenntnisse und Vorschläge, doch darum geht es Gore auch nicht. Er möchte darauf hinwirken, dass sie endlich umgesetzt werden.
Allgemeinverständlich, aber wissenschaftliche fundiert
"Mein Buch soll die Leser dazu bewegen, selbst aktiv zu werden - nicht nur jeder Einzelne für sich, sondern gemeinsam als Teil des politischen Prozesses, durch den jedes Land für sich und
die Welt als Ganzes die Entscheidung trifft, vor der wir jetzt stehen," schreibt Gore in seinem Vorwort. Das sollte ihm gelingen, denn Gore schreibt nicht für Wissenschaftler, sondern
allgemeinverständlich.
Die Lektüre erinnert an die "Was-ist-Was-Bücher", in denen Kindern und Jugendlichen etwa erklärt wird, wie der Mensch entstanden ist oder wie eine Eisenbahn funktioniert. Gore ergänzt seine
äußerst anschaulich geschriebenen Texte mit vielen Graphiken, eindrücklichen Fotos und Zitaten von Wissenschaftlern, Philosophen oder aus der Bibel.
Dabei gleitet er nie ins Belanglose oder Unwissenschaftliche ab. Nicht umsonst ist "Wir haben die Wahl" das Ergebnis eines jahrelangen Expertendialogs von Wissenschaftlern unterschiedlicher
Disziplinen. Für das Buch "wurden die verschiedensten Wissenschaftsbereiche, von der Neuro- bis zu den Wirtschaftswissenschaften, von der Informationstechnologie bis zur Landwirtschaft
zusammengeführt".
Hoffnung statt Verdrängung
Diesen interdisziplinären Ansatz im Rücken, zeigt Al Gores Buch, das zum Teil auf seinem Film "Eine unbequeme Wahrheit" aufbaut, aber mit seinen Lösungsvorschläge weit darüber hinausgeht,
einen gangbaren Weg hinaus aus der Klimakrise. Ob die Menschheit diesen Weg beschreitet, wird jedoch an anderer Stelle entschieden.
Schließlich will Gore mit seinem Buch auch Hoffnung machen. Denn auch wenn die Zeit immer knapper wird, ist es noch nichtzu spät, umzusteuern: "Solange noch Hoffnung besteht, ist
Verzweiflung unangebracht. Verzweiflung ist nur eine andere Form der Verdrängung und führt zu Passivität."
Al Gore: Wir haben die Wahl. Ein Plan zur Lösung der Klimakrise, Riemann Verlag 2009, 21,95 Euro, ISBN 978-3570501153







