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Icon   Günter Grass im Gespräch mit Sigmar Gabriel

„Habt mehr Langmut, mehr Gleichmut!“

Uwe Knüpfer • 05. December 2010

Günter Grass bei der Signierung seines neuen Buches nach der Diskussion. Foto: Alix Fassmann
Günter Grass bei der Signierung seines neuen Buches nach der Diskussion. Foto: Alix Fassmann

Grass las zunächst aus seinem neuen Buch "Grimms Wörter". Er hätte es auch "Leviten" nennen können. Es ist eine Auseinandersetzung nicht nur mit der deutschen Sprache, sondern über weite Strecken auch mit der SPD und der deutschen Geschichte, und dabei stark autobiografisch gefärbt. Grass habe damit "eine neue Literaturgattung" ins Leben gesetzt, befand Moderator Christoph Links.

Samstag, der 4. Dezember 2010. Spätnachmittags. Es dunkelt längst im vereisten Berlin. Hunderte strömen in Richtung Parteizentrale, am Zusammenfluss von Stresemann- und Wilhelmstraße. Sie ahnen wohl, dass hier an diesem Tag nichts Gewöhnliches geschehen wird. Bereits eine Stunde vor Veranstaltungsbeginn sind alle Sitzplätze im Foyer, unter den Augen des bronzenen Willy, besetzt. Zuhörer hocken sich auf Treppen, lehnen sich auf Brüstungen, harren stehend aus, fast drei Stunden lang. Am Ende werden sie wissen: es hat sich gelohnt.

Gelernter Sozialdemokrat
"So werden wir die SPD wieder auf 30/40 Prozent bringen," begrüßt Sigmar Gabriel erfreut über den Andrang den Literaturnobelpreisträger: "Du musst öfter kommen. Dann ist die Hütte voll."

Könnte sein, dass Günter Grass tatsächlich öfter käme, würde er öfter gerufen. Er nennt sich, im Buch und "live", einen "gelernten Sozialdemokraten". Das bleibe er auch. "Ich suchte kein Endziel, blieb unterwegs, bin es immer noch, setzte mich wechselndem Wetter aus." Er ist einmal in die Partei ein- und einmal wieder ausgetreten - als die SPD mit der Union den Asylkompromiss schloss. Und er habe schon Gerhard Schröder gesagt, er trete auch erneut wieder ein - sobald "Ihr das Asylrecht wieder in Kraft setzt." Doch: "Das ist bis heute nicht geschehen."

Im Buch ist von August Bebels Aschenbecher die Rede. Was Grass die Gelegenheit gibt, "den heute so geschichtsfernen Genossen" einige Kapitel Historie näherzubringen; von mutigen und mutlosen Professoren zu erzählen, die "über Wortbrücken" miteinander verbunden seien, ob sie nun in den 1830er Jahren den Mund aufmachten oder hielten, oder "als es 33 schlug" und Hitler Deutschlands Universitäten "judenfrei" machte, unter beflissener Mithilfe der "in ihren Talaren verschanzten" Professorenkollegen.

Demokratie braucht lautstarke Bürger
Grass schildert auch, wie er dazu kam, für die "Espede" zu trommeln. Willy Brandt, damals noch Regierender Bürgermeister in Berlin, hatte 1961 ein gutes Dutzend Literaten der Gruppe 47 eingeladen, zum Gespräch und mitzutun bei dem Projekt, das später der Slogan zieren sollte "Wir schaffen das moderne Deutschland". Aus dem Dutzend zeigte am Ende nur einer auf, und das sei er gewesen, Grass, der eigentlich ob seiner Umbotmäßigkeit im Literatenkreis nur Gelittene. Er habe sich fortan bemüht, Willy Brandts Reden klarer, zugespitzter zu machen. Was durchaus hier und dort gelungen sei. Das habe ihn "mit kindlichem Stolz" erfüllt.

"Warum hab' ich das gemacht?" fragt Grass rhetorisch sich selbst. Und erzählt, dass er bei Kriegsende 17 Jahre alt war, "verformt vom Nationalsozialismus" und sich fortan mit der Frage gequält habe: Wie war das möglich? Wie habe er selbst "so einer Begeisterung" anheim fallen können? Und er sei zu der Antwort gelangt, dass sich in der Weimarer Republik nicht genügend viele Bürger vor die Republik gestellt haben, als die Nazis immer stärker wurden. "Daraus habe ich meine Schlüsse gezogen." Demokratie könne nur gelingen, wenn genügend viele Bürger "lautstark präsent" sind.

Weshalb er auch die Bundesrepublik heute nicht durch Terrorismus gefährdet sehe und schon gar nicht durch den Verfall der deutschen Sprache - "Unsere Sprache ist stark genug, sich immer wieder zu erneuern." -, sondern durch Verschleiß. Durch "Materialermüdung" könne es "zum Einsturz kommen".

Gabriel: Schutz durch mehr direkte Demokratie
Die Diskussion zwischen Grass und Gabriel führt über die Integrationsdebatte, den Umgang mit Sprache und Bleiberecht und die Entwertung der Arbeit zur Macht der Lobbyisten.

Grass: "Lobbyismus liegt wie ein Ring um den Bundestag." Vielleicht sollte man eine Lobby-Bannmeile einrichten. Gabriel ist skeptisch: "Diese Bannmeile muss ganz schön großwerden." Er räumt ein, es habe "auch zu sozialdemokratischen Zeiten Wirtschaftsminister gegeben", die für Gesetzesvorlagen aus Lobby-Papieren abgeschrieben haben, "bis zu den Kommafehlern". Davor schütze nur zweierlei: Offenlegung und mehr direkte Demokratie.

Gabriel möchte, sollte die SPD dereinst wieder regieren, Organisationen wie Transparency International oder LobbyControl regelmäßig im Kabinett vortragen lassen. Und er möchte Volksabstimmungen nutzen, "um Verflechtungen zu durchdringen", etwa im Bund-Ländergerangel um die Bildungspolitik. "Wir brauchen ein bisschen mehr Mut der Demokraten zur Demokratie."

"Auch wenn es Stimmen kostet"
Geradezu scharf wird Gabriel, als die Rede auf die, laut Grass, "dämliche Sarrazindebatte" kommt. Von wegen Langmut. Bei ihren Grundsatzen dürfe die SPD nicht mit sich spaßen lassen. Nie wieder dürfe hierzulande das Genetische mit dem Sozialen verkoppelt werden. Da müsse die Partei eine klare Grenze ziehen, rechtfertigt er das Parteiordnungsverfahren gegen den Genossen Bestsellerautor.

"Das kostet uns Stimmen!" wirft ein Zuhörer ein. "Und wenn es uns Stimmen kostet!" blafft der Parteivorsitzende zurück. Dann sei es eben so.

Gabriel findet dafür an diesem Abend in seiner Parteizentrale ähnlich starken Applaus wie zuvor Grassens Ermahnung zur Langmut. Boulevardmedien machen aus so etwas gern: Die SPD ist gespalten. Dabei ringt sie doch nur sichtbar und sehr ernsthaft mit sich selbst.

Grass scheint das zu imponieren. Er kann auch Milde. Und gießt kein weiteres Öl ins Feuer der "dämlichen" Sarrazindebatte. Angst, dass "die Deutschen" sich selber abschaffen werden, wie Sarrazin orakelt, hat er jedenfalls nicht.

Jede Menge Selbstkritik
Während Gabriel darauf verweist, dass auch "biodeutsche Vierjährige" bei Sprachtests versagen, wogegen man etwas tun müsse, erinnert Grass daran, dass "hier in Berlin im 17. Jahrhundert ein Drittel der Bevölkerung Französisch gesprochen" habe: "Welch eine Bereicherung!" Was wäre aus Preußen ohne die Zuwanderung der Hugenotten geworden? Und apropos Nebenkulturen: eine Nebenkultur habe sich im Bankwesen entwickelt. Hier aufzuräumen, das würde sich lohnen. Kräftiger Applaus.

Grass kann sich auch deshalb schon Milde erlauben, weil Gabriel den Selbstgeißeler gibt. "Wir haben in unserer Regierungszeit nichts geleistet, die Schere wieder zusammenzubekommen." Die Schere zwischen Arm und Reich. Gabriel: "Wir haben Arbeit entwertet. Wir haben ein Scheunentor aufgemacht für Armutslöhne." Und es sei doch "idiotisch", dass "Leute wie ich Kindergeld kriegen. Das Geld ist in den Schulen und Kindergärten besser aufgehoben."

Günter Grass hört interessiert zu. Und bittet, im Blick auf eine künftige sozialdemokratische Regierungszeit, nicht wieder den Fehler zu machen, auf Goodwill der Wirtschaft zu setzen wie einst beim Zulassen von Niedriglohn-Tarifabschlüssen im Zeitarbeitsgewerbe. Und anschließend wieder zu sagen: "Schiete, sie haben die Lücke genutzt!" Grass: "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit ist keine Sache des guten Willens."

"Der Fortschritt ist eine Schnecke"
Grass findet die SPD manchmal naiv und manche Ideen zur Direkten Demokratie "papieren". Und von wegen: Vor dem Gesetz sind alle gleich: "Na denkste!" Es gibt, so sieht er es wohl, noch immer allerhand zu tun. Der Fortschritt ist eine Schnecke.

Unbeantwortet bleibt Gabriels Frage, ob Grass womöglich auch ihm beim Redenschreiben helfen wolle, wie einst Willy Brandt. Unklar bleibt auch, ob die Frage wirklich ganz ernst gemeint war. Klar hingegen ist, dass Grass helfen wird, wenn er gefragt wird; ermunternd und ermahnend. Auch wenn er von Feuilletonisten für seine Parteilichkeit gescholten werde und jüngere Literaten Politik naserümpfend als "schmutziges Geschäft" verächtlich machten: "Mich juckt das nicht. Ich mache mein Ding."

Das Wort vom sozialdemokratischen "Kulturbolschewismus" fiel übrigens nicht Grass ein, sondern Gabriel. Als er erzählte, wie Grass in Goslar - damals Philip Rosenthals, heute Sigmar Gabriels Wahlkreis - das Bild vom Fortschritt als Schnecke spontan ins Bild gesetzt hat. Porzellanfabrikant Rosenthal habe flugs Grassens Zeichnung genommen und Teller mit dem Schneckenbild herstellen lassen, gedacht als Dankeschön für Wahlkampfhelfer. Die aber hätten die Teller nicht haben wollen. Er, Gabriel, habe sie im Willy-Brandt-Haus vorgefunden; eingestaubt.

Günter Grass liest "Grimms Wörter" - und diskutiert Die Veranstaltungen in Impressionen finden Sie unter http://www.spd.de/aktuelles/videos/

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