Mit 14 zieht
Marcelina Bautista Bautista ohne Spanischkenntnisse nach Mexiko-Stadt und arbeitet rund 20 Jahre als Hausangestellte. Die Verhältnisse sind sehr prekär, "die
Hausangestellten kennen ihre Rechte nicht und die Arbeitgeber interpretieren die Gesetze gerade so, wie es ihnen beliebt", sagt sie am Donnerstag bei der Preisverleihung der
FES in Berlin. Missbrauch bei den Arbeitszeiten sei die Regel, nicht selten seien die Frauen aber auch physischer und
sexueller Gewalt ausgeliefert.
Die Vorsitzende der FES, Anke Fuchs, bezeichnet diese Arbeitsbedingungen als "sklavenähnliche Zustände". Um sie zu ändern, gründet Marcelina Bautista Bautista 1988 gemeinsam mit anderen
Hausangestellten die Gruppe "La Esperanza" ("Hoffnung"), um Frauen im Hausarbeitssektor über ihre Rechte aufzuklären. Im Jahre 2000 initiiert sie die Gründung eines Beratungszentrums für
Hausangestellte in Mexiko (CACEH). Unter schwierigen Bedingungen kämpft sie für Rechtsschutz und gewerkschaftliche Interessenvertretung. Heute ist sie Generalsekretärin der Konföderation der
Hausangestellten in Lateinamerika und der Karibik (CONLACTRAHO).
Uruguay als Vorbild
Nur in wenigen Ländern Lateinamerikas ist die Arbeit von Hausangestellten so gut organisiert wie in Uruguay. Walter Ariel Ferrari Ibarra, stellvertretender Direktor der
Arbeitnehmervertretung der Bank für Sozialversicherungen in Uruguay, sieht die gesetzlichen Regelungen seines Landes zum Schutz der Hausangestellten auf gutem Weg: Sozialversicherungspflicht,
Mindestlohn, mindestens 36 Stunden Ruhezeit am Wochenende. "Von 100.000 Hausangestellten waren 2005 35.000 sozialversichert angestellt, 2010 waren es bereits 56.000", so Ibarra.
Für Karin Pape, Internationale Koordinatorin des International Domestic Workers` Network (IDWN), ist die Preisverleihung an Bautista ein Signal für die internationalen Netzwerke der
Hausangestellten. "Damit Frauen als Arbeitnehmerinnen anerkannt werden, mit dem Recht auf einen Mindestlohn und dem Recht, sich organisiern zu dürfen", sagt sie. Dieses Recht fehlt in vielen
Ländern, zum Beispiel auch in den USA". Ein internationales Abkommen sei angestrebt, erklärt Pape, doch es sei gerade die EU, die bremst: "Die EU wünscht sich eine schlanke Konvention, da soll
möglichst wenig drinstehen."
Mehr Rechte in der EU?
"Ist die polnische Putzfrau in Deutschland sozialversichert?" fragt die Referentin der Deutschen Kommission Justitia et Pax in Deutschland, Hildegard Hagemann. Kirchliche Träger seien oft
Anlaufstellen für Migrantinnen, die als Hausangestellte keinen Versicherungsschutz haben."Auch in Deutschland profitieren Reiche von den billigen Arbeitskräften", sagt sie. "Das ist ein globales
Thema."
Der Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Michael Sommer, bestätigt: "Auch in Deutschland wird Reproduktionsarbeit als Erwerbsarbeit minderwertig behandelt." Er sei tief beeindruckt
vom langanhaltenden Kampf der Preisträgerin und dem Versuch, Gesellschaft zu ändern. "Es ist besonders schwierig, das Bündnis mit jenen zu suchen, die im informellen Sektor arbeiten, dem
Krebsgeschwür menschenunwürdiger Arbeit."
Die weltweite Umsetzung von Mindeststandards für menschenwürdige Arbeit von Hausangestellten hat sich auch die
Internationale Arbeitsorganisation (ILO) zum Ziel gesetzt. Schon 2011 will sie ein international bindendes Übereinkommen verabschieden.
Dann sind Rechte einklagbar. Wird das die Arbeitsbedingungen ändern? Marcelina Bautista Bautista erklärt, dass ein Mentalitätswechsel stattfinden muss: "Wir müssen die Frauen über ihre Rechte
aufklären. Und wir können das, weil wir glaubwürdig sind, weil wir ihre Sprache kennen."







