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Icon   Thomas Homer-Dixon: Der heilsame Schock

Klimawandel zum Guten

Kai Doering • 04. December 2010

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Die Lage erscheint hoffnungslos: Statt auf Erneuerbare Energien umzusteigen, ist weltweit "eine Rekarbonisierung der Energieversorgung zu beobachten". Statt den Einsatz von Öl drastisch zu reduzieren, macht sich die Welt mehr und mehr abhängig "von einem weiteren Ausbau der Förderung der OPEC-Länder". Und statt ein verbindliches Klimaabkommen zu beschließen, "verschärft sich trotz allen Redens und trotz der weltweiten Bemühungen das Klimaproblem immer weiter".

Ist also bei der Rettung des Weltklimas schon alles verloren? Nicht unbedingt, antwortet der kanadische Politikwissenschaftler Thomas Homer-Dixon. Es muss sogar noch viel schlimmer werden, denn erst in "ganz besonderen gesellschaftlichen Situationen sind Menschen in ihrer Angst und Wut tatsächlich bereit, Alternativen zum bisherigen Status quo zu erwägen".

Ein neues Wirtschaftssystem

In seinem Aufsatz "Der heilsame Schock" fordert Homer-Dixon nicht weniger als "eine umfassende kulturelle Wende". Bisherige ökonomische Strategien, wie etwa die Einbeziehung der Kosten für die bei der Produktion entstehenden Umweltschäden in den Preis eines Guts, reichen aus seiner Sicht nicht aus. Homer-Dixon fordert vielmehr den Wandel zu einer "'Steady State'-Ökonomie, also einer Wirtschaft, in der die Produktion von Gütern und Dienstleistungen auf Dauer ungefähr gleich bleibt".

Die Kritik des Politikwissenschaftlers ist fundamental. Aus seiner Sicht hat das bestehende Wirtschaftssystem versagt - die Wirtschaftskrise zeige das deutlich - und habe ein "weltweites Gerechtigkeitsproblem" produziert, das nur mit einer geeigneten "Alternative zum Wirtschaftswachstum" gelöst werden könne: "Das konventionelle Wirtschaftsdenken ist zur alles beherrschenden geistigen Rechtfertigung der momentanen Weltordnung geworden", kritisiert Thomas Homer-Dixon. "Da es dieser Rationalisierung jedoch immer weniger gelingt, Finanzkrisen vorauszusehen oder geeignete Mittel gegen den drohenden Klimawandel bereitzustellen, wird sie unweigerlich immer komplexer und rigider und zunehmend weniger haltbar."

Neue Demokratie als Lösung

Um eine "weltweite Katastrophe" zu verhindern, greift Homer-Dixon auf ein altbewährtes Mittel zurück: die Demokratie. Die derzeitigen Systeme bedürfen aus seiner Sicht allerdings einer "Verbesserung der demokratischen Problemlösungsstrategien". Genauer: "Wir werden die enormen Umwelt-, Klima-, Wirtschafts- und Gesellschaftsprobleme nur dann lösen können, wenn es uns gelingt, durch neuartige demokratische Prozesse die Menschen zu mobilisieren und ihre Problemlösungsfähigkeiten zu koordinieren."

Hierbei setzt er besonders auf das Internet, das etwa mit dem für viele Autoren offenen Lexikon Wikipedia gezeigt habe, dass es "zur schnellen dezentralisierten Problemlösung beitragen" kann: "Das World Wide Web könnte also als Grundlage sehr schneller weltweiter Problemlösungsprozesse und radikal neuer Formen demokratischer Entscheidungsfindung fungieren."

Interessante Vision zu philosophisch verpackt

Die Ideen Thomas Homer-Dixons sind interessant und sicher bedenkenswert. Dass die Weltgesellschaft nicht weiter wirtschaften kann wie bisher, leuchtet ein und ist mittlerweile relativer Konsens. Die Vision des Politikwissenschaftlers, wie eine Welt mit einem anderen Wirtschaftssystem und veränderten demokratischen Strukturen aussehen könnte, ist ausbaufähig. Leider verliert sich Homer-Dixon in seinem Aufsatz ein ums andere Mal in philosophischen Auslassungen, die es dem Leser unnötig schwer machen, seinem Gedankengang zu folgen. Das ist schade, weil dadurch die Neigung entsteht, ihn in die Freak-Ecke zu stellen und seine guten Ideen nicht weiter zu verfolgen.

Damit würde man dem Wissenschaftler jedoch nicht gerecht. Denn an seiner Grundüberzeugung ist absolut nichts auszusetzen: "Wir werden den Klimawandel und die Energieprobleme nicht bewältigen können, wenn wir nicht zu einem Konsens gelangen, wie ein erfülltes Leben aussehen sollte und welches Leben wir unseren Kindern und Enkeln wünschen." Um nicht weniger als diesen Konsens geht es zurzeit beim Klimagipfel in Cancun.

Thomas Homer-Dixon: Der heilsame Schock. Wie der Klimawandel unsere Gesellschaft zum Guten verändert, Oekom Verlag 2010, ISBN 978-3865812148, 8,95 Euro

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