Auf dem historischen Dorfplatz im sächsischen Radebeul sind die Häuser in Pastellfarben gestrichen. Grün, blau, rosa, wie frisch geschminkt sehen sie aus, trotz des Novemberregens. An einem großen, gelben Gebäude steht "Familienzentrum".
Es ist eines der 500 vom Bund geförderten Mehrgenerationenhäuser. Diese Treffpunkte bündeln Angebote für alle Altersgruppen und bieten Hilfe in familiärer Atmosphäre an. Auch wenn der Platz aussieht, als wäre er das Zentrum einer 300-Seelen-Gemeinde: Radebeul bei Dresden ist eine Stadt mit gut 33 000 Einwohnern.
Familiäre Atmosphäre, gutes Arbeitsklima
An diesem Vormittag treffen gerade die Senioren ein, die an Gabi Kühns Gymnastikkurs teilnehmen. Der große Raum im Obergeschoss, in dem sie gleich turnen werden, war bis vor wenigen Minuten
voller Kinderspielzeug. Anderthalb Stunden lang war "Baby-Spielkreis", ein Vergnügen für die Kleinen und eine Möglichkeit zum Austausch für ihre Eltern.
Jetzt sind die Senioren dran. Während sie sich umziehen und ihre Bodenmatten ausbreiten, unterhalten sie sich. Erst als Gabi Kühn die Musik einschaltet, wird es still. Ruhige Klänge breiten sich im Raum aus. "Linkes Bein nach oben strecken", sagt sie und die sechs Frauen spiegeln ihre Bewegung. Auf kleine Gruppen lege das Familienzentrum wert, erklärt Seniorenbetreuerin Ilona Gäbler. Auch Maria Berg-Holldack spricht von der familiären Atmosphäre und dem freundlichen Arbeitsklima, das in dem Haus herrsche. Die Projektleiterin ist eine von acht hauptamtlichen Mitarbeiterinnen im Familienzentrum, die meisten von ihnen sind Pädagogen.
Sie erzählt von den Kursangeboten, vom Nähservice, dem Fahrradreparaturladen, der Hilfe für Demenzkranke, der Ausbildung und Vermittlung von Tagesmüttern, der Hausaufgabenbetreuung. Während Berg-Holldack von all den Angeboten spricht, sitzt sie an einem der Tische im Café. Der Raum mit dem Kachelofen und den gelb gestrichenen Wänden ist das Zentrum des Hauses. Wer hier hineinkommt, ist willkommen - zu einer Tasse Kaffe, zu einem preisgünstigen Essen oder einem Gespräch.
Bundesförderung läuft aus
Alle Mitarbeiter im Café arbeiten ehrenamtlich. Eine Pauschale von vier Euro pro Stunde erhalten sie als Aufwandsentschädigung. Einige sind auf das Geld angewiesen. "Wir wollen ein Rundum-Angebot machen und uns nach den Bedürfnissen der Menschen richten", sagt Maria Berg-Holldack und wird ernst: "Wir haben viel erreicht, aber wir bräuchten viel mehr Mitarbeiter." Doch Ehrenamtliche suche derzeit jeder, weil überall Gelder gekürzt würden.
Die 33-Jährige koordiniert, organisiert, kümmert sich um den Papierkram und um die Finanzierung des Projekts. Stiftungsgelder, Unterstützungen aus Stadt-, Landes- und Bundesmitteln reichten mehr schlecht als recht. Obwohl die Kreisstadt wohlhabend ist, habe nicht jeder Geld. Sie erlebt das hautnah mit. Dennoch komme häufig der Vorwurf, das Familienzentrum Radebeul sei ein Haus für Reiche, sagt Berg-Holldack.
2011/2012 läuft die Bundesförderung für das Programm Mehrgenerationenhäuser aus. Viele der Zentren können ohne sie nicht existieren. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) hat erklärt, es werde ein Anschlussprogramm geben. Doch mehr als das vage Lippenbekenntnis gibt es nicht. Wolfgang Thierse (SPD), Pate des Mehrgenerationenhauses Conradinum in Wandlitz, weiß, dass die Häuser "wichtige Orte der Vermittlung von Werten wie Achtung und Toleranz, Rücksicht und Nächstenliebe sind". Das Zentrum in Radebeul hat den "Interessenverbund der sächsischen Mehrgenerationenhäuser" mitgegründet. Gemeinsam kämpfen sie dafür, dass die Zentren erhalten bleiben. Ausgang ungewiss.
Die SPD setzt sich für den Erhalt der 500 Mehrgenerationenhäuser ein. Sie hat im Deutschen Bundestag den Antrag "Mehrgenerationenhäuser erhalten und weiterentwickeln - Prävention stärker
fördern" eingebracht.
Caren Marks, die familienpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, veröffentlichte dazu eine
Erklärung.







