Es ist Anfang November. Spätherbst, fast Winter. Die ersten Minusgrade werden erreicht und manchmal fällt bereits Schnee. In ganz Deutschland ist es kalt und grau. Im Wendland, im Landkreis
Lüchow-Dannenberg, ist das der Beginn der "fünften Jahreszeit". Regelmäßig Anfang November fährt ein Castor-Transport mit seiner hochradioaktiven Fracht von der französischen
Wiederaufarbeitungsanlage La Hague ins niedersächsische Gorleben.
Er bringt dabei eine ganze Bevölkerung und die atomkritische Bewegung aus ganz Deutschland auf die Straße - und weit über 10 000 Polizisten ins Wendland, die den Transport ins Zwischenlager
geleiten. Eine nicht immer einfache Aufgabe, wie auch die Urteile zeigen, die vielen Einsprüchen Demonstrierender gegen polizeiliche Maßnahmen Recht geben.
Protest vom Clown bis zur Großmutter
Auch in diesem November sind wieder zehntausende Menschen im Wendland auf die Straße gegangen: Bunt, fröhlich und friedlich trotzten sie dem tristen Novemberwetter und der falschen
Atompolitik der schwarz-gelben Bundesregierung. Angefangen bei einer großen Auftaktdemonstration mit 50 000 Menschen, über große Sitzblockaden, bis zu Ankettaktionen an Betonpyramiden und
Getränke-Lastern während des Transports, von einer Clowns-Armee bis hin zu Treckern auf den Straßen. Ein ganzer Landstrich wird mobil: Vom Vater mit seinem Kind bis hin zu Rentnerinnen, die sich
um ihre eigene und die Zukunft ihrer Kinder und Enkel sorgen.
Im Protest gegen ein Endlager für hochradioaktiven Abfall in Gorleben und die Atomkraft sind auch die Mitglieder des lokalen SPD Unterbezirks Uelzen/Lüchow-Dannenberg seit Jahrzehnten
aktiv. In diesem Jahr hat der Unterbezirk, unterstützt von zahlreichen Abgeordneten aus Bundes- und Landespolitik, einen eigenen Anlaufpunkt direkt an der Transportstrecke geschaffen: Das
SPD-Camp.
Schlafplatz, Verpflegungs- und Infopunkt
Neben den vielen Infopunkten und Übernachtungsplätzen lokaler und überregionaler Initiativen hat das Camp gezeigt, dass die SPD politisch und auf der Straße an der Seite der
Demonstrierenden stehen. Unter dem Motto "Rotkäppchen gegen Castor" konnten nicht nur Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten ihre Zelte, Wohnwagen oder Wohnmobile aufschlagen, sondern jede
Bürgerin und jeder Bürger.
Das Camp war für viele Menschen vier Tage lang Wohnort, Verpflegungspunkt, Ausgangspunkt und -ort des Protests. Mit heißen Getränken, Suppe und Bratwurst konnte man sich aufwärmen und
gleichzeitig Hunger und Durst stillen. Ein beheiztes Zelt bot Platz, um sich von den Anstrengungen des Protests zu erholen. Am wichtigsten aber waren die Informationen, die den Protestierenden
zur Verfügung gestellt werden konnten: Das Wendland ist unübersichtlich, nicht nur, aber gerade zu den Zeiten des Castor-Transports.
Parlamentarische Beobachter aus Bundes- und Landtag
Im Camp wurden Karten verteilt und Ortskundige konnten Hilfesuchenden Auskünfte erteilen - ein Dienst, der gerne in Anspruch genommen wurde. Bewohnerinnen und Bewohnern des Camps wurde bei
der Bezugsgruppenfindung geholfen. Das ist ein wichtiger Punkt, denn allein auf Demonstrationen unterwegs zu sein, kann zu Problemen führen. Die Gemeinschaft bietet gegenseitigen Schutz und
Hilfe. Den einzelnen Gruppen konnten bei Bedarf auch ortskundige und Demo erfahrene Personen an die Hand gegeben werden, denn Erfahrungen im Umgang mit Polizei und Kenntnis des sehr großen
Landkreises sind von großem Vorteil - eine Karte reicht dort oft nicht.
Eine besondere Funktion erfüllten die Abgeordneten, die in den Tagen des Protests vor Ort waren. Als "Parlamentarische Beobachter" waren Matthias Miersch, Kirsten Lühmann und viele andere
Bundes- und Landtagsabgeordnete im Wendland unterwegs. Sie beobachteten Blockaden, Ankettaktionen und die polizeilichen Maßnahmen. "Ein unglaublich friedlicher Protest, eine Stimmung wie auf
einem Rock-Festival", stellte Kirsten Lühmann fest. "Die Gewalt, die die Regierungsfraktionen hier herbeireden wollen, habe ich nicht gesehen."
Lühmann: Chaoten können friedlichen Protest nicht diskreditieren
Als ehemalige Polizistin war Lühmann selbst bei vielen Transporten dabei. "Ich habe noch nie erlebt, dass Demonstrierende und Polizei in solchem Maße respektvoll, pragmatisch und gelassen
miteinander umgehen." Die wenigen gewalttätigen Aktionen seien nicht von den Demonstrierenden ausgegangen. "Eine kleine GruppeChaoten hat wie jedes Jahr versucht, mit kriminellen Aktionen und
Gewalt gegen Polizeibeamte auf sich aufmerksam zu machen."
Kirsten Lühmann verurteilte die Aktionen gegen ihre ehemaligen Kollegen auf das Schärfste. "Es wird jedoch nicht gelingen, den friedlichen Protest, den wir hier erlebt haben, zu
diskreditieren." Den breiten Protest versteht die Bundestagsabgeordnete aus Uelzen als "klares Zeichen, dass die Regierung eine falsche Politik macht. Der Betrieb von Atomkraftwerken und das
Festhalten an Gorleben als Endlagerstandort ist nicht nur ein Sicherheitsrisiko, sondern auch ein gesellschaftspolitisches Risiko."
SPD-Camp auch für die Polizei geöffnet
Keine leichte Rolle hatte die Polizei im Laufe der Transporte. Sie musste ihren Kopf hinhalten für die falsche Politik der Bundesregierung - bei Schichten, die länger als 24 Stunden
dauerten und bei nur eingeschränkter Versorgung mit Lebensmitteln. Hierzu werden die Polizeigewerkschaften noch viele unangenehme Fragen an die Landesregierung zu möglichen Organisationsdefiziten
während des Einsatzes stellen. Die Kritik an den Arbeitsbedingungen wurde in vielen Gesprächen vor Ort geäußert. Denn auch für die Polizistinnen und Polizisten hatte das Protest-Camp der SPD
geöffnet - fürs Essen, Trinken oder um kurz auf die Toilette zu gehen.
Sigmar Gabriel sagte auf dem Dresdner Parteitag 2009: "Wir müssen raus ins Leben, dahin, wo es laut ist, dahin, wo es brodelt, dahin, wo es manchmal riecht, gelegentlich auch stinkt." Mit dem SPD-Camp und der politischen Begleitung sind wir genau dort. Deswegen wird es auch zum nächsten Transport ein Camp der SPD geben. Mehr Informationen auf www.gorleben-soll-leben.de







