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Icon   Rezension; Philipp Meyer: "Rost"

Nach dem Stahl

André Weikard • 12. December 2010

Klett-Cotta
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Die USA sind von einer Krankheit befallen. Sie heißt wie Philipp Meyers Romandebüt: "Rost". Allerorten verrotten die Stahlwerke. Da, wo man früher die Wäsche nicht aufhängen konnte, weil der Ruß sie gleich wieder verschmutzt hätte, streunen wieder Bären und Hirsche durch die Straßen.

Vom Verfall

Die Gemeinden haben kein Geld mehr, um den Müll abholen zu lassen. Die Schornsteine der Fabriken werden gesprengt und fallen in sich zusammen wie die Türme des World Trade Centers. Die Menschen gehen oder trinken. Und beim Gin raunt der eine dem anderen zu: "Wir sind als Land auf einem absteigenden Ast, vielleicht zum ersten Mal in unserer Geschichte, und das liegt nicht an den Kids mit grünen Haaren und mit Piercing in der Nase."

Meyer beschreibt ein Land, in dem die Menschen in Trailern wohnen, im Jogginganzug einkaufen gehen und Holz hacken müssen, wenn ihnen kalt ist. Ein Land, in dem die Kohlezüge noch von Stadt zu Stadt schleichen, Züge, auf die man aufspringen kann, um wegzukommen.

Vom Weggehen

Zwei, die weg wollen, sind Isaac und Poe. 4000 Dollar hat Isaac seinem alten Dad gestohlen. Noch bevor die beiden aber aus dem Tal kommen, noch bevor sie auf den ersten Zug springen, bringt Isaac einen anderen Landstreicher um. Isaac, das ist der schmale von den beiden, derjenige, der bei den Eignungstests an der Schule so gut abgeschnitten hat, dass er eigentlich nach Yale hätte gehen könne, wie seine Schwester Lee. Er ist lange geblieben, um seinen Vater zu pflegen. Und Poe ist derjenige, der mit seiner Mom im Trailer wohnt, der mal ein guter College-Footballer war, es aber nie geschafft hat. Er wäre schon in den Knast gewandert, wegen einer Schlägerei, wenn seine Mutter nicht mit dem Sheriff geschlafen hätte.

Poe ist in Lee verliebt. Und während die beiden am Wasser sitzen, er ihr verspricht, dass er Isaac nicht verraten werde, plant sie im Kopf schon, wie sie das Geld für die Anwälte besorgt, von ihrem Verlobten am besten. Lee ist anders, sie "hat es geschafft", sie studiert in Yale, auch wenn alle aus dem Städtchen immer Harvard sagen, weil es für sie gleich weit weg ist, gleich unerreichbar.

Vom Knast

Und so kommt es, wie es kommen muss. Poe landet im Knast, wo er den Zahnbürstengriff spitz schabt und mit dem Kopf zur Kloschüssel schläft und mit den Füßen zum Gittern, damit im niemand eine Schlinge um den Hals legt. Nach einer Prügelei, auch das lernt er schnell, kommt es darauf an, sich die Hände gründlich zu waschen. Er hat noch kein Aids wie die meisten Häftlinge.

Was in der ersten Romanhälfte noch konventionell erzählt und von Frank Heibert ins Deutsche übertragen wurde, wird gegen Ende sprunghafter. In kurzen Sätzen bildet der Text Poes Selbstgespräche ab, wirre Monologe, in denen er sich erst hastig von der einen, dann von der anderen Sache überzeugt. Denn er muss immer wieder Entscheidungen treffen, um sein Leben zu retten.

Von der amerikanischen Provinz

Um die eigentliche Handlung herum schildert Meyer die Familiengeschichten seiner beiden Protagonisten. Er berichtet von Isaacs Vater, dem soliden Stahlarbeiter, der als einer der letzten gefeuert wurde und der die studierte Musikerin aus reichem Haus geheiratet hat, Isaacs Mutter, die sich irgendwann umgebrachte. Und er beschreibt Poes Mutter, die immer mal wieder mit Poes Vater schläft, dann wenn der Hunger hat oder ein Bett braucht, um seinen Rausch auszuschlafen. Die seine ewigen Versprechen, diesmal werde alles besser, anhört und die einen Sohn groß zieht, der ganz genauso wird.

Meyers Figuren leben in einer archaischen, rohen Umwelt. Sein Roman ist die Geschichte einer Flucht, die Beschreibung eines provinzamerikanischen Milieus und eines großen gesellschaftlichen Verfalls. Im Grunde aber ist es ein Western. Eine Geschichte von zwei Jungs, die wenig reden und nichts haben. Die aufbrechen, weil sie irgendwo auf eine bessere Zukunft hoffen und mit den Fäusten darum kämpfen müssen, dorthin zu gelangen. In den USA vergleichen sie Meyer mit Cormac McCarthy, mit J.D. Salinger, Jack Kerouac, Ernest Hemingway und William Faulkner, mit den ganz großen. Und sie und tun das zu recht.

Philipp Meyer: "Rost", Klett-Cotta, Stuttgart, 2010, 464 Seiten, 22,95 Euro, ISBN 978-3-608-93893-7

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