Die Diskussion in der überfüllten rheinland-pfälzischen Landes-"Botschaft" zu Berlin begann gemütlich. Man warf sich, unter der humorigen Leitung des SWR-Chefreporters Thomas Leif, zunächst
ein halbe Stunde lang mehr oder weniger pfiffig formulierte Allgemeinplätze zu. Leitfrage: Sind sich Journalisten und Politiker in Berlin zu nahe?
Christoph Stegmanns (stellv. Regierungssprecher, FDP): "Nähe heißt nicht Kumpanei." Nein, aber: "Umsonst scharrt keine Henne." Und man wisse als PR-Profi schon, wie Journalisten "zu
triggern" sind. Politikerin Gesine Lötzsch (Linke): "Für die Opposition ist es schwierig, jemanden zu korrumpieren."
Journalistin Bettina Schausten (ZDF): "Wir setzen auf Qualität, Sachlichkeit, Fakten." Natürlich.
So ging das, bis Bernd Ulrich sich erlaubte, "unsere VHS-Runde" aufzumischen und festzustellen: "Politiker und Journalisten haben an Achtung verloren." Auch, weil Medien die vorhandene
Bereitschaft zur Politikverdrossenheit steigerten, indem sie Politikern grundsätzlich immer die niedrigsten Motive unterstellten.
Die VerBILDlichung des politischen Journalismus und den damit einhergehenden Auflagenverlust vieler Zeitungen, vor allem der boulevardesken und kampagnenorientierten, führte Ulrich auf die
"strategische Entscheidung fast aller Verleger" zurück, journalistische Produkte kostenlos online zu stellen. Von Journalisten werde verlangt, rund um die Uhr zu schreiben, nebenbei zu filmen und
zu bloggen und eben "auf dem Klo noch zu twittern." Ulrich: "Wenn sie die ganze Zeit schreiben, können sie nicht mehr denken."
Nun stellte auch Stegmanns fest, dass sich durch die internetgetriebene Beschleunigung der Berichterstattungszyklen ein "nachrichtlicher Derivatenhandel" entwickelt habe, "einschließlich
Leerverkäufen". Die "Leute draußen" fragten sich: Was soll das eigentlich?
Und auch Bettina Schausten beklagte einen Verfall der Sitten und des Niveaus: "Im Internet ist sehr viel schlechtes Benehmen unterwegs und sehr viel Ahnungslosigkeit."
Bernd Ulrich legt nach und karikierte den Herdentrieb politischer Journalisten in Berlin. "Man orientiert sich aneinander, man heiratet einander, man isst miteinander." Und ahne, dass man
darüber das "Gespür fürs Volk" verloren hat. Wie versucht man es wiederzufinden? Indem man die Bild-Zeitung liest. Und indem man ins Internet schaut und glaubt, die sich dort äußernden
Besserwisser seien repräsentativ. Doch treffe man in Internetforen nicht das Volk, sondern nur "den inneren Schweinehund des Volkes".
Immerhin: Bei der Zeit mache man das alles nicht mit. Deshalb verliere die Zeit auch nicht an Auflage und Vertrauen. Ulrich zeigte sich optimistisch, dass auch in anderen Verlagen der Wert
solider journalistischer Arbeit jetzt allmählich wieder erkannt werde: "Man fängt an, das große Schiff zu drehen."
Diesen Optimismus vermochte nicht jeder zu teilen. Es blieb einem jungen "Angehörigen der Generation Praktikum" im Publikum überlassen, darauf hinzuweisen, dass für viele, die heute
beginnen, die Grenze zwischen PR und Journalismus nicht mehr erkennbar sei. Auch sei für sie "nicht zu große Nähe zur Politik das Problem, sondern zu große Distanz." Man habe beim schlecht
bezahlten Ab- und Umschreiben von Presseerklärungen gar keine Zeit und keine Gelegenheit, leibhaftige Politiker zu treffen. Geschweige denn, sich gründlich in komplexe Themenfelder einzuarbeiten.
Er warnte, es wachse eine Generation von Journalisten heran, die das für normal halte.
Der SPD-Politiker Harald Christ benannte den Grund dieser Entwicklung: Die Sparpolitik in Verlagen und Sendern. Stellenkürzungen, Redaktionsschließungen, Outsourcing. Die Folge:
"Journalisten haben weniger Zeit für Recherchen."







