Artikel (Archiv) > Ehrlichkeit tut Not

Hauptinhalt

Artikel (Archiv)

Übersicht

Icon   Rentenbericht der Bundesregierung

Ehrlichkeit tut Not

Ursula Engelen-Kefer • 18. November 2010

Kundgebung der IG Metall vor dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales in Berlin 2010. Foto: Rolf Nutzenberger Kundgebung de
Kundgebung der IG Metall vor dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales in Berlin 2010. Foto: Rolf Nutzenberger Kundgebung der IG Metall vor dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales in Berlin 2010. Foto: Rolf Nutzenberger

Frau von der Leyen beschwichtigt: "Die Zahl der Älteren ohne Job ist in Wirklichkeit nicht gestiegen, sondern die Statistik muss seit 2007 ehrlicher sein." Vielleicht sollte die Bundesarbeitsministerin ehrlicher mit den Menschen in Deutschland umgehen.

58er Regelung bis 2007

Richtig ist, dass 2007 die sogenannte 58er Regelung ausgelaufen ist. Bis dahin konnten Arbeitslose über 58 Jahren unter bestimmten Voraussetzungen zwar weiterhin ihre Arbeitslosenunterstützung beziehen, mussten jedoch nicht für den Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Im Jahr 2007 machten immerhin 400 000 über 58-jährige arbeitslose Arbeitnehmer/innen davon Gebrauch. Dafür mussten sie sich verpflichten, zum frühestmöglichen Zeitpunkt in die abschlagsfreie Rente zu gehen. Diese lag zunächst bei einem Lebensalter von 60 Jahren, wurde dann aber auf 63 Jahre erhöht.

Zwangsrente mit 63 nach Hartz IV
Mit Hartz IV (ab 2005) wurde die Verpflichtung für Langzeitarbeitslose verbunden, zum frühestmöglichen Zeitpunkt in die gesetzliche Altersrente zu gehen (Nachrangigkeit von Hartz IV- Transferleistungen gegenüber den gesetzlichen Altersrenten). Dies bedeutet für viele ältere Hartz IV Empfänger den Zwang zum Übergang in die gesetzliche Altersrente - im allgemeinen ab 63 Jahren- mit Abschlägen von 7,2 Prozent bis an das Lebensende.

Geschützt vor dieser Zwangsverrentung mit Abschlägen sind diejenigen die 2008 bereits das 58.ste Lebensjahr überschritten haben. Diese gesetzliche Verschließung weiterer Lücken für die Frühverrentung hat dazu geführt, dass ältere Arbeitslose häufig versuchen, die Rentenabschläge zu verhindern und länger im Erwerbsleben zu verbleiben. Da ihnen jedoch der Arbeitsmarkt im Allgemeinen verschlossen ist, bleiben sie länger in der Arbeitslosigkeit. Dies hat entscheidend mit zu dem Anstieg der älteren Arbeitslosen beigetragen.

Ehrlichkeit der Politik gefordert
Die "Ehrlichkeit" der Politik würde es erforderlich machen, sich ernsthaft mit der jetzt "sichtbaren" erheblich gestiegenen Arbeitslosigkeit der Älteren auseinanderzusetzen und dies nicht durch Hinweise auf das Auslaufen der 58er Regelung wegzuwischen. Trotz jahrelanger auch regierungsamtlicher Beschwörungen der demographischen Lücke und der besseren Beschäftigung haben sich die Chancen für die über 63-Jährigen in den Betrieben kaum verbessert.

Und auch die "jüngeren" Älteren zwischen 55 und 63 Jahren müssen ihre gestiegene Beschäftigung mit hoher Diskriminierung und unwürdigen Arbeitsbedingungen sowie Löhnen erkaufen. Eine Bestätigung der vom Gesetz geforderten Arbeitsmarktbedingungen für die pauschale Heraufsetzung der Regelaltersgrenze auf 67 Jahre, ist daraus in keinem Fall herzuleiten.

Zudem hätte es die "Ehrlichkeit" der Frau von der Leyen erfordert, auch darauf hinzuweisen, dass nach wie vor, über 58-jährige Arbeitslose nach längerer Arbeitslosigkeit entscheiden können, nicht mehr für die Vermittlung zur Verfügung zu stehen. Es gibt mithin nach wie vor eine Dunkelziffer der nicht als Arbeitslose gezählten älteren Arbeitslosen. Der Statistik Effekt der abgeschafften 58er Regelung ist jedenfalls keine überzeugende Argumentation für die Verbesserung der Arbeitsmarktlage der Älteren- im Gegenteil. Damit die Einführung der Rente mit 67 zu begründen, ist mehr als gewagt: Mehr Ehrlichkeit tut wahrlich Not, Frau von der Leyen.

Inhalt rechte Spalte

 

Hauptinhalt 2

Buchtipp

Econ Verlag

Icon Rezension; Rudolf Hickel: „Zerschlagt die Banken"

„Zerschlagt die Banken"

Icon Rezension; Hans-Christian Jasch: „Staatssekretär Wilhelm Stuckart und die Judenpolitik"

Massenmord, geplant von Beamten

Icon Kathrin Hartmann: "Wir müssen leider draußen bleiben"

Von der Politik über den Tisch gezogen

Icon Rezension; Alexander Dill: „Gemeinsam sind wir reich"

Mehr Sozialkapital

Interview

Eren Güvercin

Icon Eren Güvercin im Interview

„Ich habe nie ein Identitätsproblem gehabt“

Icon Interview mit Frank Mentrup

Lust auf den Wechsel

Icon Interview mit dem Deutsch-Iraner Omid Pouryousefi

"Viele haben die Nase voll"

Icon Interview mit Katja Kullmann

„Dann ist da diese andere europäische, große Idee, die wir Sozialdemokratie nennen“

Veranstaltung

vorwärts-Fest in Bayern

Icon vorwärts-Fest

„Der Wandel in Bayern hat angefangen!“

Icon Buchvorstellung

Naziverbrecher ohne Reue

Icon Fotoausstellung im Willy-Brandt-Haus

Das kulturelle Gesicht Afghanistans

Icon Bildungspolitik

Gleiche Chancen für alle?

Kolumne

Icon Willst du mit mit (wählen) gehen?

Das Allerletzte von Martin Kaysh

Icon Notiert von Uwe Knüpfer

Berliner Tagebuch

Icon Abzug aus Afghanistan

Global gedacht von Rafael Seligmann

Icon Notiert von Uwe Knüpfer

Berliner Tagebuch

Filmtipp

 „Genug der Farce“, sagt sich Monsieur Demanet.

Icon Film der Woche: Kill me please

Selbstmord inklusive

Icon Film der Woche: Die Vermissten

Mit dem Rücken zum Nichts

Icon Film der Woche: Medianeras

Wir sind die Stadt

Icon Film der Woche: Ufo In Her Eyes

„Ein ideologischer Schrottplatz“