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"Das Leben ist zu kurz, um immer nur Hass zu empfinden"

Ramon Schack • 17. November 2010

Die Geschichte eines Deutsch-Iraners, der Israeli wurde. Buchcover: DTV
Die Geschichte eines Deutsch-Iraners, der Israeli wurde. Buchcover: DTV

vorwärts.de: Berlin wird heute international als aufregende, kosmopolite Metropole wahrgenommen. Junge Menschen, aus allen Teilen der Welt, zieht es in die Stadt. Wenn Sie an Ihre Jugend in Berlin zurückdenken, was empfinden Sie?

Arye Sharuz Shalicar: Es ist vollkommen richtig, dass das heutige Berlin Menschen aus allen Ecken der Welt anzieht - auch viele Israelis sind begeistert vom heutigen Berlin. Jedoch ist Berlin, wie jede grosse westliche Metropole in verschiedene Teile aufgeteilt, mit Gegenden, die gut liegen und viele Cafes haben, mit vielen netten Menschen in der Umgebung, mit kilometerlangen Strassen, Gegenden, die von genau diesen jungen Menschen gerne besucht werden und Gegenden, wie Wedding und Nord-Neukölln, wo normalerweise keine Touristen "rumhängen", weil es kaum was zu sehen gibt und es unter Umständen auch gefährlich werden kann.

Ich denke gerne zurück an meine friedliche Kindheit in Spandau, in der sich alles ums Fußballspielen gedreht hat; aber auch gerne an bestimmte Ereignisse im Wedding, meine engen Freunde dort, die bis zum heutigen Tag zu mir halten, in erster Linie türkische Muslime und an einige der Döner-Imbisse, wo ich in bestimmen Lebensabschnitten öfter gegessen habe als bei mir zu Hause. Jedoch kommen ab und zu auch die negativen Erlebnisse hoch, die mir wiederfahren sind und die ich versucht habe zu verdrängen: leider ohne Erfolg - oft habe ich mich während meiner Jugend "gefangen" gefühlt, ohne Ausweg.

In Ihrem Buch "Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude" beschreiben Sie Ihren bisherigen Lebensweg von einem jugendlichen Kleinkriminellen in Berlin, bis zur Ihrer Auswanderung nach Israel. Heute sind Sie Pressesprecher der israelischen Armee. Rückblickend betrachtet, hätten Sie nur in Israel Karriere machen können, oder unter Umständen auch in Deutschland?

In meiner Jugend habe ich Hass und Freundschaft kennengelernt. Den Hass der jungen Migranten untereinander, der gemeinsame Hass aller auf Juden, aber auch die Solidarität von türkischen Freunden. Ich habe den tagtäglichen Hass auf den Strassen gespürt, was auf Dauer ziemlich müde macht. Das Leben ist zu kurz, um immer nur Hass zu empfinden. Das ich diesem Milieu entkommern konnte, verdanke ich einigen Freunden, aber auch dem Aufstieg durch Bildung.

In dieser Zeit begann ich mich schon für Israel zu interessieren, meine religiösen Wurzeln zu erforschen, für die ich mich zuvor nie interessiert habe, da ich areligiös erzogen wurde. Nach meinem Abitur, leistete ich meinen Wehrdienst bei der Bundeswehr ab. In Deutschland sah ich aber meine Zukunft nicht mehr. Dort fühlte ich mich als Ausländer von den Deutschen abgestempelt, von den Muslimen als Jude gedemütigt, von den Juden als jugendlicher Krimineller gefürchtet. Israel war in diesem Zusammenhang ein Rettungsanker für mich. In diesem Sinne hätte meine berufliche Laufbahn nur so in Israel stattfinden können.

Der israelische Iran-Experte Prof. David Menashri bezeichnet die Einwanderung iranischer Juden nach Israel als Erfolgsgeschichte. Würden Sie dem zustimmen?

Ich kenne Prof. Menashri persönlich und schätze ihn sehr. Persische Juden sind sowohl in Israel als auch in England, New York und Los Angeles im Großen und Ganzen zufrieden. Meine Verwandschaft ist glücklich in Israel und die meisten könnten sich nicht vorstellen woanders zu leben und ihre Kinder aufzuziehen.

Als Jugendlicher wurden Sie mit dem Antisemitismus muslimischer Einwanderer in Berlin-Wedding konfrontiert. Weshalb gab es in Deutschland lange Zeit kein Problembewußtsein für dieses Phänomen?

99 Prozent der in Deutschland lebenden Juden haben in den 80er und 90er nicht in Ghettobezirken gewohnt, sondern eher in den mittelständigen, wenn nicht wohlhabenderen Wohngegenden Berlins. So kam man weder auf dem Fussballplatz, noch in der Schule in Kontakt mit muslimischen Antisemitismus. Heute gibt es mittlerweile eine Hand voll russischsprachiger Juden, die seit einigen Jahren in deutschen "Problembezirken" wohnen und meine Geschichte sehr gut nachvollziehen können.


Weshalb konnte Ihnen die Jüdische Gemeinde in Berlin keinen Halt bieten, bzw. bei dem Identitätsfindungsprozess behilflich sein?

Ich habe mich während meiner Jugend nicht wirklich für die jüdische Gemeinde interessiert. Ich war schließlich der einzige Jugendliche dort, der "anders" war, mehr wie ein Türke oder Araber als wie ein Jude oder Deutscher. Im Endeffekt war ich Weddinger, Gangmitglied und Schwarzkopf, alles was Vielen in der jüdischen Gemeinde nicht ganz geheuer war.

Von Viktor Klemperer stammt das Zitat "Worte können wie winzige Arsendosen sein: Sie werden unbemerkt verschluckt; sie scheinen keine Wirkung zu tun - und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da." Fühlen Sie heute noch irgendeine Giftwirkung aufgrund des jahrelangen Hasses, der Ihnen als Jugendlicher entgegenschlug?

Natürlich habe ich weiterhin keine besonderen Gefühle übrig für diejenigen, die mich als kleinen Jungen gedemütigt haben, vollkommen grundlos, nur weil ich Jude bin. Ein kleines Trauma ist geblieben und wird mich wahrscheinlich bis an mein Lebensende begleiten. Bis heute kommen mit Bilder der Szene mit den Erdbeeren am U-Bhf Pankstrasse hoch, wenn ich Erdbeeren esse.

Gleichzeitig habe ich jedoch immer eine Art "Bruderliebe" gefühlt, ob von Husseyn, Sahin, Mehmet, Erdal, Fuat oder anderen muslimischen Jugendlichen im Wedding, die mich verteidigt haben und stets zu mir hielten. Schließlich zog Fuat seine Pistole und hielt sie einem anderen Muslim an den Kopf, um mich zu verteidigen; und es war Husseyn, der Fadi in der U-Bahn sagte "Was spielt es für eine Rolle, dass Aron Jude ist? Er ist mein Freund und ich liebe ihn wie meine Bruder und ich möchte, dass ihr euch auch wieder als Freunde vertragt."

Ich habe daraus gelernt, dass ich sowohl extremen Hass, als auch extreme Liebe gefühlt habe. Mir ist deshalb vollkommen klar, dass man Menschen nicht pauschal, nach ihrer Religion, ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft bewerten kann.

Ihr Buch erscheint zu einem Zeitpunkt, wo in Deutschland wie auch in anderen Ländern Europas über die Integration von Zuwanderern diskutiert wird. Wie nehmen Sie diese Debatte wahr, was halten Sie von dem Erstarken rechtspopulistischer, islamkritischer und islamfeindlicher Parteien in Europa?

Ich denke, dass die Integrationsdebatte keine deutsche Debatte ist, sondern ein Thema, das ganz Westeuropa beschäftigt. Eigentlich hatte man das Thema schon vor ein bis zwei Generationen ernster nehmen müssen, doch erst seit den Terroranschlägen in New York, Madrid und London und den ständigen Terrordrohungen, zeigt sich der Durchschnitts-nicht-muslimische Westeuropär besorgt und denkt "Moment, das geht jetzt wirklich zu weit. Jetzt muss ein Stoppschild aufgestellt und klar gemacht werden, wer hier eigentlich der Chef im Hause ist."

Verschleierung der Frau...Moscheen und Minarette...muslimische Kinder, die deutsche Kinder als "Schweinefleischfresser" beleidigen...das alles hat man vor einer Generation auch schon gehabt, jedoch nicht in diesem Ausmaß...und nicht mit dem Gefühl, dass internationaler muslimischer Terrorismus eine Gefahr für jeden Kleinbürger darstellen kann. So sind nicht wenige Westeuropäer geneigt alle "Schwarzköpfe" abzustempeln als "Gefahr" für "die freie Gesellschaft," obwohl es genug Muslime gibt, die entweder vollkommen integriert sind in die jeweilige westeuropäische Gesellschaft, oder es zumindest gerne sein würden, es jedoch manchmal nicht so einfach haben. Angst muss man vor einer Minderheit von muslimischen Fanatikern haben, die eine tatsächliche Gefahr für die demokratischen Werte des Westens darstellen.

Sie bezeichnen sich als Zionist. Sind Sie schockiert, dass viele junge, säkulare Israelis heute ins Ausland ziehen, ihre Zukunft woanders sehen?

Nein ganz und gar nicht. Israel, hat wie jedes andere gesunde Land Ein- und Auswanderung. Ich kenne einige in Deutschland geborene Menschen, die heute in Griechenland, den USA, Spanien oder Italien wohnen. Nicht weil sie gegen Deutschland sind, sondern, weil sie einen Job gefunden haben oder das Wetter besser finden. Dasselbe gilt auch für Israelis, die ausziehen, die Israel nicht wirklich den Rücken gekehrt haben, wobei es sicherlich auch solche Israelis gibt, sondern zeitweilig oder für den Rest ihres Lebens einen anderen Wohnort bevorzugen, aus welchem Grund auch immer, übrigens auch religiöse Israelis. Meine Schwester lebt auch in Paris, dennoch ist sie 3-4 mal im Jahr, mit Mann und Kind, in Israel zu Besuch.

Was entgegnen Sie dem Vorwurf, Ihr Buch sei nicht frei von politischer Propaganda, basierend auf Ihrer heutigen beruflichen Tätigkeit, als Pressesprecher der israelischen Armee?

Ich beschreibe in meinem Buch nicht, wie ich Pressesprecher wurde, denn ich bin erst seit ca. einem Jahr bei der Armee angestellt, während das Buch schon seit einigen Jahren im DTV-Verlag vorlag, noch bevor ich wusste, dass ich irgendwann einmal in dieser Position tätig sein würde.

Arye Sharuz Shalicar
»Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude«
Die Geschichte eines Deutsch-Iraners, der Israeli wurde
Autobiografie, dtv, 1. Auflage, Oktober 2010
Mit einem Vorwort von Richard C. Schneider
248 Seiten, 14,90 Euro ISBN 978-3-423- 24797-9

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