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Icon   Rezension, Dirk Ritter-Dausend: „Scientology“

Die Seelenkapitalisten

Redaktion Redaktion • 28. November 2010

Herder Verlag
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Ein neues Sachbuch über Scientology also. Worüber kann es informieren, was zu einer öffentlichen Diskussion beitragen, die eigentlich nur wenig Aufmerksamkeit erhält? Ja, Tom Cruise ist Mitglied in dieser Sekte und John Travolta ebenfalls - beide werden aber nur am Rande des Exkurses in die scientologische Parallelwelt erwähnt, denn Autor Dirk Ritter-Dausend weiß wesentlich mehr als das zu berichten. Der langjährige Mitarbeiter des nordrhein-westfälischen Innenministeriums ist bestens vertraut mit Scientology, weshalb seine Warnung vor dieser Sekte umso eindringlicher wirkt.

Hokuspokus und Kapitalismus

Ritter-Dausend bietet einen knapp gehaltenen, nüchternen Bericht über Scientology, stellt deren Begründer L. Ron Hubbard vor und porträtiert Struktur und Arbeitsweisen der Sekte. Er bemüht sich, einen sachlichen Grundtenor herrschen zu lassen, wohlwissend, dass die falsche Tonart im Fall von Scientology schnell den Gang vor Gericht nach sich ziehen kann.

Ritter-Dausend offenbart die Welt Scientologys als eine erstaunliche Mischung aus populärwissenschaftlichem Hokuspokus und perfidem Kapitalismus. Bei der Sekte beginnt alles mit den oft beschriebenen Persönlichkeitstests. Sie sollen neugierig machen, ihre Ergebnisse zeigen in jedem Fall soziale Probleme der Probanden auf. Was folgt, sind verschiedene Kursangebote, die allen Schmerz und Ballast aus dem Gedächtnis löschen sollen - wohlgemerkt: löschen, nicht aufarbeiten.

Der anfangs vielleicht nur mäßig Interessierte wird durch ständig neue Kurse und Programme unmerklich in die unendlichen Tiefen der angeblichen Seelenreinigung gesogen. Ziel ist es, als "clear", gereinigt, und später als sogenannter Thetan - eine Art befreites Geisteswesen - in die Unsterblichkeit einzugehen. Auf dem Weg dahin, gerät die Person immer unaufhaltsamer in die Fänge der Scientology.

Abhängigkeit und Täuschung

Da ist zum einen die finanzielle Abhängigkeit: Alle Kurse werden teuer bezahlt, das Geld wandert größtenteils an die Zentrale des Netzwerkes in Los Angeles. Die Mitglieder entlohnt Scientology nur spärlich und meist in Form von Kursmaterialien. Und der Eintritt in die Sekte zieht noch andere Abhängigkeitsformen nach sich: Nach und nach verändert sich das Umfeld des Neueinsteigers, wird zunehmend von Scientologen bestimmt. Ein auf Gehorsam gerichteter Verhaltenskodex und eine interne Fachsprache isolieren den Betroffenen zusätzlich, was ein späteres Aussteigen erschwert. Genau wie die im Rahmen der Kurse angelegten Akten mit privaten Daten, die Personen abhängig und erpressbar machen.

Doch es sind beileibe nicht ausschließlich mehr oder weniger leichtgläubige Passanten von der Straße, die zu Opfern der Scientologen werden können. Ritter-Dausend legt offen, dass diese Sekte auch über Nachhilfegruppen Schulkinder in ihren Bann zieht. Über fadenscheinige Tarnorganisationen wie "Jugend für Menschenrechte" täuscht die Organisation die Öffentlichkeit und infiltriert verdeckt Institutionen und Wirtschaftsunternehmen. Die Anonymität des Internets erleichtert das Vertuschen und kritiklose Konsumieren. Ja, Scientology ist im Zeitalter der sozialen Netzwerke Studi.vz, Facebook und von YouTube angekommen! Wenn Ritter-Dausend über die Spezialeinheit Sea Org und den Scientologen-Geheimdienst Office of Special Affairs (OSA) berichtet, ist das Horrorszenario komplett.

Der Autor will aufklären und dies gelingt ihm, auch wenn er erst im fünften Kapitel die grundlegende Ideologie der Sekte bespricht. Mit steigender Seitenzahl verliert sich seine zurückhaltende Darstellung und bekommt eine wertende Heftigkeit, die vielleicht gerechtfertigt ist, aber dennoch nur bedingt zu entzünden vermag. Das liegt in erster Linie an dem schlechten Lektorat des Verlages: Der nüchterne Sprachstil engt das Anliegen des Autors ein, zu oft wiederholen sich Ausführungen, Fehler in der Kommasetzung behindern den Lesefluss. Auch mangelt es Ritter-Dausends Bericht an Fallbeispielen, an Präzedenzfällen, Statistiken und Zahlen, und so bleibt Scientology letztendlich fern und anonym.

Dirk Ritter-Dausend: "Scientology", Herder Verlag, Freiburg, 2010, 128 Seiten, 8,95 Euro, ISBN 978-3-451-06289-6

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