Sie kennen sich aus ihrer Jugend in Czernowitz. Die beiden deutschsprachigen Juden Paul Celan und Gustav Chomed besuchten dasselbe Gymnasium, waren seit 1932 eng befreundet. Als Paul Antschel, so Celans bürgerlicher Name, 1938 zum Medizinstudium nach Frankreich geht, schreibt er dem Freund aus Tours. Der Brief - einer der frühesten von Celan erhaltenen - eröffnet den soeben erschienen Band "'Ich brauche Deine Briefe'". Bis die beiden wieder voneinander hören, vergehen mehr als zwanzig Jahre.
Vom Überleben der Shoah
1962 nimmt Chomed, der erfahren hatte, dass Celan noch lebt, Kontakt auf: "Ums Leben gern aber möchte ich wissen was Du treibst, wie Du lebst und was Du denkst und tust", schreibt er an den Jugendfreund. Zwischen diesem Brief und jenem von 1938 liegt das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte, die Shoah. Paul Celan überlebte das nationalsozialistische Morden in einem rumänischen Arbeitslager, erreichte über Umwege Paris. Seine Eltern starben in einem Konzentrationslager.
Gustav Chomed sah als Soldat der Roten Armee die Konzentrationslager Auschwitz und Ravensbrück, später Goebbels Leiche in Berlin und war als Dolmetscher beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess, wie er in seinen Briefen berichtet. 1946 ging Chomed zurück nach Czernowitz. Als Buchhalter lebt er in der gemeinsamen Geburtsstadt, bis ihm 1972 die Ausreise nach Israel gewährt wird, wo er 2002 stirbt.
Von infamen Plagiatsvorwürfen
Chomeds Kontaktaufnahme 1962 erreicht Paul Celan in einer schwierigen Phase seines Lebens, er schreibt: "das Wasser steht mir augenblicklich bis zum Hals". Die "Goll-Affäre", die verleumderischen Plagiatsvorwürfe der Witwe des Dichters Yvan Goll, haben ihn in eine psychische Krise gestürzt. Seit 1960 ist er konfrontiert mit den infamen Anschuldigungen, ist konfrontiert mit antisemitischen Vorurteilen. Der Dichter ist verzweifelt, hat viele Kontakte abgebrochen. Erfreut reagiert Celan auf Chomeds Schreiben: "Von Herzen danke ich Dir für Deinen Brief! Alles ist darin, das Verloren-Unverlorene, die Heimat, die bestehen bleibt ...".
Czernowitz, das für den Lyriker in seiner verzweifelten Lage ein Sehnsuchtsort wird, ist für Chomed, der in der Stadt lebt, unwiederbringlich verloren. Er schreibt von der "fernen, nicht mehr existierenden Heimat". Und weiter: "Wir sind die Geisteskinder eines Deutschlands der Dichter und Denker, das es schon lange nicht mehr gibt.". Mit seiner jüdischen Frau Tatjana spricht Chomed Russisch, alles Deutsche war ihr nach dem überlebten Holocaust unerträglich. Doch davon berichtet er Celan nicht, wie im Kommentar der Herausgeber Barbara Wiedemann und Jürgen Köchel zu lesen ist.
Vom Dichten nach Auschwitz
Celans Situation verschlechtert sich zunehmend, zum Jahreswechsel 1962/63 wird er in einer psychiatrischen Klinik behandelt. Mehrere stationäre Aufenthalte unterbrechen den Briefwechsel immer wieder - Lücken, die die prekäre Lage des Dichters erschreckend deutlich machen. Chomed sucht den Kontakt zu halten. 1965 schreibt er: "Schließlich gehört Dein Tun und Schaffen zum wertvollsten und schönsten, was ein Mensch überhaupt auf unserm Planeten leisten kann."
Celan hat Dichten nach Auschwitz möglich gemacht. Er hat für ein deutschsprachiges Publikum in der Sprache der Mörder geschrieben. Was das von ihm forderte, ist kaum zu ermessen. In einem seiner Briefe an Chomed formuliert er, was seine Lyrik ihm bedeutete: "ich habe in meinen Gedichten ein Äußerstes an menschlicher Erfahrung in dieser unserer Zeit eingebracht. So paradox das auch klingen mag: gerade das hält mich auch".
Vom Freitod als Ausweg
Doch seine Lyrik kann ihn letztlich nicht retten, Celan wählt den Freitod. Der letzte Brief Chomeds, abgeschickt am 5. April 1970, endet mit der Bitte "antworte möglichst bald". Celan schreibt nicht mehr. Seine Leiche wird am 1. Mai 1970 in der Seine gefunden.
Der soeben erschienene Briefwechsel erstreckt sich über mehr als dreißig Jahre. Der erste Brief von 1938 ist ein kleiner Einblick in das Leben Celans vor der Katastrophe der Shoah. Die Fortsetzung der Korrespondenz fällt in eine Zeit, in der der Dichter viele Freundschaften beendet hatte. Die Briefe erzählen von Celans Verfassung. Und sie vermitteln den Hauch einer Ahnung davon, was das Weiterleben nach der Shoah den beiden deutschsprachigen Juden abverlangte.
Paul Celan und Gustav Chomed: "'Ich brauche Deine Briefe'", herausgegeben von Barbara Wiedemann und Jürgen Köchel, Suhrkamp Verlag, Berlin, 2010, 111 Seiten, 14,90 Euro, ISBN 978-3-518-42086-7







