Der 9. November 1938 war ein Mittwoch. Wahrscheinlich ein ebenso grauer und etwas verregneter Tag wie in diesem Jahr. Doch in der Nacht vom 9. auf den 10. November vor 72 Jahren war dann
nichts mehr so wie es heute war. Unter den Augen von Polizei und Staatlichen Sicherheitskräfte zog ein brauner Mob zielgerichtet plündernd und brandschatzend durch die Straßen - überall in
Deutschland, auch in Berlin.
Das alles geschah nicht im Geheimen oder Stillen, sondern unter den Augen der Nachbarn und Mitmenschen der rund 600 000 Juden in Deutschland. Es geschah auch nicht irgendwo, sondern genau
vor Ort, z.B. in Kreuzberg. "Rund 15 000 eingetragene Gemeindemitglieder gab es vor der Shoa in Kreuzberg", erzählte der Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Berlin, Andre Lossin. Sie lebten
nicht in einer Parallelgesellschaft oder in ihren eigenen Stadtteilen, sondern waren ein integrativer Bestandteil der deutschen Bevölkerung. "Viele waren sogar assimiliert", so Michael Joachim,
Vorsitzender der Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde.
Synagoge am Fraenkelufer
Wie viele andere Gebäude der Jüdischen Gemeinde, wurde auch die Synagoge am Fraenkelufer - die aus der großen Hauptsynagoge und einer kleineren Jugendsynagoge im Westflügel bestand -
während der Novemberpogrome 1938 stark beschädigt. Sie konnte nicht mehr als Synagoge genutzt werden.
Die Gemeinde nutzte stattdessen seit 1938 die zum Gebäudekomplex gehörende kleinere Jugendsynagoge als Ausweichort. Ab Mitte 1942 besetzten dann Gestapo-Truppen das Grundstück und nutzten
es zum Abstellen von Militärfahrzeugen und lagerten dort geraubte jüdische Besitztümer. Im Zweiten Weltkriegs wurde der Gebäudekomplex durch Bomben weitgehend zerstört. Nach Kriegsende hielten
Überlebende deutsche Juden und jüdische Soldaten der Allierten Gottestdienste in den Überresten der Synagoge ab.
Im Jahr 1958 wurde das Hauptgebäude schließlich abgerissen. Auf dem Gelände befinden sich nun eine Integrationsschule, Wohnhäuser und eine Kindertagesstätte. Bis heute nutzt die Jüdische
Gemeinde die wieder instand gesetzte ehemalige Jugendsynagoge als Gotteshaus. Trotz der starken Zuzüge von Juden aus den ehemaligen Sowjetrepubliken ist die Synagoge die einzige in Kreuzberg
geblieben. Die meisten der acht heute noch bestehenden Synagogen stehen in Berlin-Charlottenburg.
Kranzniederlegung und Gebete
Am Dienstag waren rund 25 Gäste und Gemeindemitglieder gekommen, um gemeinsam zu beten, zu erinnern und zu mahnen. Unter ihnen waren Franz Schulz, Bezirksbürgermeister von
Friedrichshain-Kreuzberg, Greorgij Kristall, Kultus- und Baudezernent der Jüdischen Gemeinde, und viele Mitglieder der Bezirksverordnentenversammlung von SPD, Grünen und Linkspartei.
Mit einer Kranzniederlegung vor der Stehle - die an die zerstörte Synagoge erinnert - bekundeten sie ihre Verbundenheit mit den Opfern der Shoa. Michael Joachim betonte, wie "wichtig die
Erinnerung an all diejenigen ist, die heute nicht mehr unter uns sind". Er erklärte, dass die Jüdische Gemeinde all diese Menschen und ihre Namen bis heute und auch in der Zukunft in Erinnerung
halte und sie in ihre Gebete mit aufnehme. "Besonders gedenken wir den vielen Kindern, die nie in die Lage versetzt wurden, sich voll zu entwickeln und ihre Gedanken, Träume und Ideen in unsere
Gesellschaft einzubringen."
Wie wichtig das öffentliche Erinnern und der Kampf gegen rechte und antisemitische Ideologien ist wird deutlich, wenn man die hohen Zäune, Videokameras und die ständig vor Ort postierten
Polizeibeamten sieht, die bis heute nötig sind, damit Juden in Deutschland friedlich ihren Glauben leben können.







