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Buch und Bild

Reinhard Klimmt • 09. November 2010

Reinhard Klimmt. Foto: Quirin/Visum
Reinhard Klimmt. Foto: Quirin/Visum

Texte und Bilder finden sich, seitdem es die aus Piktogrammen und Zeichen entstandene Schrift gibt, immer wieder zusammen. Erläuternde Bildunterschriften, illustrierende Bilder, illustrierte Bücher und Künstlerbücher, in der Definition des einzelnen Werkes nicht immer leicht auseinander zu halten.

Buchillustrationen sollen einen Text erhellen und ergänzen.
Im Künstlerbuch dagegen sprechen Bilder autonom für sich oder Texte und Bilder gehen eine symbiotische Verbindung ein, beanspruchen für sich den gleichen Wert, kennen kein Oben und Unten, kein Herrschen und Dienen. Das im Merziger Gollenstein Verlag erschienene Buch "Atem, Balladen und Zeichnungen" von Alfred Gulden, Autor und Filmemacher, und Bettina van Haaren, die an der Technischen Universität Dortmund Zeichnung und Druckgrafik lehrt, ist in diesem Sinne eine Co-Produktion. Beide haben sich unabhängig voneinander mit dem Thema Atem auseinandergesetzt, haben es an sich selber erforscht, manchmal quälend wahrhaftig. Bilder und Texte stehen nebeneinander, sind unabhängig von einander geschaffen worden, sind eigenständig in der Form und in der Gestaltung des Themas, bilden in der Abfolge der Blätter doch eine Einheit und ergänzen sich.

Bettina van Haaren zeichnet - direkt, nur scheinbar krakelig oder tastend, nervös in einigen Blättern - mit Bleistift auf Papier, zeichnet Linien, die sich zu Menschen formen, Darstellungen von Verzerrungen und Verletzungen des Körpers. Atmen bedeutet nicht nur Luftholen, sondern auch um Atem ringen, bedeutet Austausch, das Hereinziehen von Bildern und das Herauswürgen von Alpträumen. Sie bleibt auch in diesen Sequenzen bei ihrem alles beherrschenden Thema, sich selber, den Körper, distanziert, aufrichtig bis zur Brutalität in allen seinen Aspekten zu erforschen. "Ich vergegenwärtige in meinen Bildern, wie mein Körper in seinen Teilen mich wahrnimmt", schreibt sie an anderer Stelle über sich und ihre Arbeit. Oft sind es nur anatomische Details, die den Weg zum Erkennen öffnen. Körperteile, Körper und Köpfe bei denen das Innere nach außen drängt, nur in wenigen Bildern ein kurzes Innehalten, das ruhige Atmen des unbeschwert scheinenden Schlafs.

Alfred Gulden wählt die Ballade, bedient sich des Hochdeutschen und bemüht die Reime, ein Unterwerfen unter eine strenge Form, durch den zentrierten Satzspiegel noch verstärkt, allerdings ohne Strophen, ohne Satzzeichen, fließend wie aus einem Guss. Unerwartet bei einem Autor, der sonst die freie Akkumulation der Assoziationen liebt, der sich gerne ungebändigter Wortkaskaden bedient, mit der Sprache malt, der ihr einen freien Rhythmus gibt. So entsteht - ursprünglich sicher ungewollt, dann wohl gerne akzeptiert - auch ein Kontrapunkt zu den Zeichnungen.

Atmen, das ist für uns meist eine bare Selbstverständlichkeit, für Gulden aber, der unter Asthma leidet, eine dauerhafte, ständige Herausforderung und so lauscht er auf sich selber und an diesen Vorgang heften sich die Lebens-, die Kindheitserinnerungen, Erinnerungen, die selten harmonisch sind. Immer wieder drängt sich das Bedrückende ins Bewusstsein, allerdings wächst das Rettende auch.

Die kindlichen nächtlichen Ängste, die uns nie ganz in Ruhe lassen, sind bei dem "Schappatmer" übersteigert. Gulden mixt Kindheitserlebnisse und Lesefrüchte. Alte Bekannte tauchen auf: Störtebecker, Käptn Nemo, der Holländer Michel und Old Shatterhand. Die übermächtige Kraft von Glaube, Religion und Kirche spiegelt sich in den Texten wider. Besenkammer, bevorzugter Karzer der Eltern, und Beichtstuhl sind Schauplätze von Beklemmung und Atemnot, ein Glaube, der nicht befreit, sondern den Atem verschlägt.

Gulden nennt aber auch seine Nothelfer: Die Schwester, die dem Eingesperrten Zuspruch gab und die dem nach Atem Ringenden aus seinen Lieblingsbüchern vorlas, die Piraten der Literatur, in die er sich spielend verwandelte und den Stürmen gebot, der Navajo mit seinen Mythen, der inhalierte Salbeidampf, ein Ingredienz des freien Atems. Zu meiner Freude besingt er auch Pujol. Wer mit diesem Namen nichts anfangen kann, sollte dieses literarisch, kulturhistorische Rätsel beim Lesen lösen.




Alfred Gulden, Bettina van Haaren: Atem. Balladen und Zeichnungen. Mit einem Nachwort von Burkhard Baltzer, 104 Seiten, gebunden, ca. 18,-Euro · ISBN 978-3-938823-64-4. Gollenstein 2010. 18 Euro

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