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Icon   Hans Mommsen wird 80

Streitbarer Geist und politischer Historiker

Bernd Faulenbach • 04. November 2010

Hans Mommsen bei einem Vortrag in Düsseldorf, November 2009. Foto: A.Savin, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hans_Mommsen_
Hans Mommsen bei einem Vortrag in Düsseldorf, November 2009. Foto: A.Savin, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hans_Mommsen_2009.jpg, Creative Commons Attribution-Share Alike by-sa/3.0, by-sa/2.5, by-sa/2.0 and by-sa/1.0 license

Geschichte der Arbeiterbewegung
Wissenschaftlich gearbeitet hat Hans Mommsen zu einer ganzen Reihe von Themenfeldern der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Eines seiner Hauptarbeitsgebiete war über lange Zeit die Geschichte der Arbeiterbewegung. Er promovierte mit einer Arbeit über die Sozialdemokratie in der Donaumonarchie und publizierte eine ganze Reihe von Büchern und zahlreiche Aufsätze über die Sozialdemokraten und die Gewerkschaftsbewegung.

Dabei scheute er sich nie, auch die Schwächen der Sozialdemokratie, etwa in der Epoche der Weimarer Republik, klar zu benennen, doch auch ihre politischen und sozialpolitischen Leistungen hervorzuheben, die auf dem Hintergrund der verheerenden Linien der deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts umso deutlicher hervortreten.

Das Scheitern der Weimarer Republik
Mit besonderer Energie hat Hans Mommsen die Weimarer Republik und ihr Scheitern erforscht. Wie sein Weimar-Buch "Die verspielte Freiheit" zeigt, sieht Mommsen die Republik durch das autoritäre Erbe des Kaiserreiches und das Fortwirken der traditionellen Eliten belastet. Zusammen mit der Rechtswendung großer Teile des Bürgertums war dies für das Scheitern der Republik bedeutsamer als die Schwäche der die Republik tragenden Parteien und die Strukturprobleme des demokratischen Staates.

Der Sieg Hitlers war aus Mommsens Sicht nicht das Ergebnis einer Machteroberungsstrategie der Nationalsozialisten. Vielmehr konnten diese die von antidemokratischen Kräften zuvor bewirkte Deformation der Republik nutzen, wobei ihnen die alten Eliten und bestimmte Ereignisse wie der Reichstagsbrand halfen.

These von Hitler als "schwachem Diktator"
In der deutschen und der internationalen Öffentlichkeit am meisten beachtet wurden und werden Mommsens Arbeiten zur Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocausts. Schon in den 60er Jahren stellte er das Bild eines monolithischen Führerstaates, in dem Hitler alles entschied, in Frage und arbeitete den für das Dritte Reich charakteristischen wachsenden Institutionendarwinismus und polykratische Strukturen, auch die damit verbundene Zerstörung des Staates und die daraus resultierende Radikalisierung des Systems heraus, in deren Kontext Mommsen selbst die Implementierung des Holocausts zu sieht. Seine manchmal zugespitzten Thesen, etwa die auf dem Hintergrund des strukturellen Chaos zu sehende These von Hitler als "schwachem Diktator", lösten Kontroversen aus, die bis heute nachwirken.

Hans Mommsen hat sich stets gegen eine vorschnelle Moralisierung bei der Betrachtung der NS-Politik gewandt. Die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Ursachen für die NS-Politik im Kontext der Zeit zu beleuchten ist für Mommsen die unabdingbare Voraussetzung, um aus der Geschichte des Dritten Reichs zu lernen. Für ihn ist die Einsicht wichtig, dass die Firnis der Zivilisation nur dünn ist, die moderne Gesellschaften von der Barbarei trennt. Dabei hat zugleich der Widerstand gegen Hitler sein besonderes Interesse gefunden, der in seinen Widersprüchlichkeiten zu sehen ist und doch über die NS-Zeit weit hinausweist.

Aufruf zur Unterstützung der Politik Willy Brandts
Nach wie vor ist Hans Mommsen ein eminent politischer Historiker, der die Impulse seiner Arbeit aus den Spannungsfeldern von Politik und Gesellschaft empfängt und Verantwortung für die Willensbildung über zeitgeschichtliche Fragen über den engen Wissenschaftsbetrieb hinaus trägt. Deshalb hat Mommsen sich nicht nur immer wieder zu historischen, sondern auch zu politischen Streitragen vor dem Horizont der Geschichte geäußert. Er war es, der 1971 auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung über die Neue Ostpolitik einen Aufruf zur Unterstützung der Politik Willy Brandts verfasste, der von 200 Historikern und Politikwissenschaftlern unterzeichnet wurde.

Der Historiker, seit mehr als 50 Jahren SPD-Mitglied, gehört der Historischen Kommission beim Parteivorstand der SPD seit ihrer Gründung im Jahre 1981 an. Zu zahllosen geschichtspolitischen Fragen hat er im Laufe der Jahre Stellung genommen. Dem streitbaren und deshalb nicht immer bequemen Historiker und Sozialdemokraten gratulieren zum 80. Geburtstag nicht nur viele Kolleginnen und Kollegen, Schülerinnen und Schüler, sondern auch die SPD und ihre Historische Kommission; sie alle haben Hans Mommsen zu danken.



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