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Icon   Thorsten Gerald Schneiders: “Islamfeindlichkeit"

Wege zur Vernunft in den Islam-Debatten

Nils Michaelis • 22. November 2010

VS Verlag
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Die Lage ist alarmierend: Knapp 60 Prozent der Deutschen fordern, die Religionsausübung für Muslime in der Bundesrepublik zu beschränken. Das ergab eine neue Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zu rechtsextremen Einstellungen. Daraus geht auch hervor, dass sich die pauschale Ablehnung des Islams häufig mit blankem Rassismus und Führerkult paart.

Chauvinistische Islamfeinde

Islamfeindlichkeit ist ein gefährliches Gebräu, das die Grundwerte einer offenen Gesellschaft unterhöhlt. Umso wichtiger sind aufklärerische Stimmen, die die oft reißerischen Debatten vom Kopf auf die Füße stellen. Nichts weniger als das verfolgt die interdisziplinäre Aufsatzsammlung, die der Islam- und Politikwissenschaftler Thorsten Gerald Schneider unter dem Titel "Islamfeindlichkeit. Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen" herausgegeben hat.

Der Schwerpunkt der in vier Großkapitel unterteilten Analysen liegt auf der Entschlüsselung aktueller Diskussionen über islamisch geprägte Milieus, die sich immer wieder am Bau von Minaretten oder Kopftuch tragenden Frauen im öffentlichen Dienst entzünden. Ein roter Erkenntnisfaden zieht sich durch das Buch: Viele, die im Namen der Freiheit gegen die "schleichende Islamisierung" wettern, pflegen in Wahrheit chauvinistische Weltbilder, deren Ursprünge bis ins Mittelalter zurückreichen.

Wissenschaft gegen Polemik

Das Nebeneinander von islamwissenschaftlichen, soziologischen, pädagogischen und weiteren fachspezifischen Ansätzen in dem Buch trägt auch methodisch zur breiteren Verortung jener Aspekte bei, die in Polemiken gegen Migranten mit türkischen oder arabischen Wurzeln ausschließlich deren Religion zugeschrieben werden. Das sind etwa die Gewalt in Familien oder die Ablehnung des Rechtsstaates.

Manche Passagen schießen allerdings über das Ziel hinaus. Wenn Siegfried Jäger in seinem Text über die Rolle westlicher Medien als "Normierungsmacht" für politische Einstellungen behauptet, Teile davon würden die Öffentlichkeit für einen Krieg gegen Iran mobilisieren, ist das purer Alarmismus. Jene Attitüde also, die (Rechts-)Populisten auszeichnet. Doch derlei rhetorische Fehlgriffe sind die Ausnahme.

Einwanderungsland Deutschland

Das "Plädoyer für den Einzug der Vernunft in die Auseinandersetzung mit dem Islam in Deutschland" des Herausgebers deckt sich mit dem überwiegend unaufgeregten Duktus der Beiträge. Mit ihrem ausführlichen Anmerkungsapparat werden die Texte ihrem dokumentarischen Anspruch vollauf gerecht.

Die inhaltliche und argumentative Stoßrichtung ist umso stimmiger, als ein zweiter Band theologische Herausforderungen und Missstände im islamischen Teil der Gesellschaft in Deutschland thematisiert ("Islamverherrlichung", ebenfalls erschienen im VS Verlag für Sozialwissenschaften).

Die Forderung, den Diskurs über muslimische Zuwanderer weg von der religiösen hin zu sozialen und kulturellen Fragestellungen zu lenken, ist freilich nicht neu. Die frühere Kölner SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün gehört zu den prominenten Verfechtern dieser Sichtweise. Wer weiß, wann sie sich unter den Seehofers und Sarrazins durchsetzen wird. Für ein gesellschaftliches Miteinander in dem Einwanderungsland Deutschland ist dieser Weg der Erkenntnis ohne Alternative. Dieses Buch könnte dazu beitragen, den Kreis jener zu erweitern, die ihn gehen wollen.

Thorsten Gerald Schneiders (Hg.): "Islamfeindlichkeit. Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen", VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2., aktualisiert und erweitert Auflage, 2010, 498, 49,95 Euro, ISBN 978-3-531-16257-7

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