Die Voraussetzungen für die Rente mit 67 liegen nicht vor. Davon ist der Direktor des Internationalen Instituts für empirische Sozialökonomie (INIFES), Professor Ernst Kistler überzeugt. Den Beweis liefern die Ergebnisse einer Studie, vorgestellt bei einer "Alternativen Anhörung" der IG Metall in Berlin. "Viele Arbeitnehmer schaffen es nicht bis 67", sagt Kistler. Betroffen sei nicht nur der oft zitierte Dachdecker, sondern auch Berufe der Metallbranche. Das Thema altersgerechtes Arbeiten sei noch lange nicht in den Betrieben angekommen, sagt Kistler. Beweis: Trotz angeblichen Fachkräftemangels und dem Vorsatz, mehr ältere Arbeitnehmer länger zu beschäftigen, habe sich im Zeitraum von 2002 bis 2005 der Anteil an Maßnahmen für Arbeitnehmer ab 50 Jahren bei Weiterbildung und Gesundheitsschutz verringert.
Arbeiten im 120 Sekundentakt
Doch Leistungsdruck und Arbeitsverdichtung wachsen. Der VW-Betriebsrat aus Braunschweig beschreibt das so: Während er 1984 am Fließband noch 180 Achsen pro Stunde produziert hat, seien es
1991 bereits 400 Stück gewesen; heute läge die Stückzahl bereits bei 600. Viele halten das Arbeitstempo nicht durch. Helmut Roth aus Stuttgart berichtet vom 120 Sekundentakt. Das bedeute, alle
120 Sekunden wiederhole sich der Arbeitsablauf.
Und nicht nur in der Automobilfertigung sei es üblich über Prämiensysteme die Taktfrequenzen unter eine Minute zu bringen, erklärt der Betriebsrat des Küchenherstellers Simatic in
Westfalen. In seiner Firma liege der Altersdurchschnitt bei 46 Jahren, der älteste Arbeitnehmer sei derzeit 61 Jahre alt. "Mit 62 ist kein Arbeitnehmer mehr in der Lage, in diesem Takt zu
arbeiten." Bisher hätten Unternehmen sozialverträgliche Lösungen gesucht, doch mit der vorgesehenen Anhebung des Renteneintrittsalters drohen den Arbeitnehmern große Nachteile. Wer künftig mit 63
Jahren in den Ruhestand geht, muss mit Abschlägen von 14,5 Prozent rechnen, auch wenn er 45 Jahre lang Beiträge in die Gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt hat.
Und wer glaubt, nur Arbeiter im Produktionsprozess seien betroffen, irrt. Auch Angestellte klagen, wissen Betriebsräte aus Wolfsburg und Offenbach zu berichten. Für ein Seminar zum Thema
"Burn Out" hätten sich gleich ganze Abteilungen aus dem VW-Werk angemeldet, innerhalb einer Woche waren es 650 Mitarbeiter.
Arbeiten bis zum Umfallen?
Wie sollen Unternehmen dazu gebracht werden, ältere Arbeitnehmer bis 67 zu beschäftigen? Wer garantiert die Übernahme der Auszubildenden, wenn die Älteren länger bleiben? Wer sorgt für
einen besseren Gesundheitsschutz, für Qualifikation und altersgerechte Arbeitsplätze? Und wie soll die drohende Alterarmut aufgefangen werden?
Die Einführung der Rente mit 67 wirft Fragen auf, die bisher nur unzureichend beantwortet sind. Elke Ferner, Vize-Fraktionsvorsitzende der SPD, erteilt aus diesem Grund der Anhebung des
Renteneintrittsalters zum jetzigen Zeitpunkt eine Absage. Auch weil Finanzierungslücken in der Gesetzlichen Rentenversicherung teilweise "hausgemacht sind", erklärte sie. "Allein durch die
Streichung der Rentenbeiträge für Arbeitslose droht im kommenden Jahr ein Minus von 2,4 Milliarden Euro."
Wer zulässt, dass über Leiharbeit und Lohndumping den Rentenkassen Milliarden Einnahmen entzogen werden, sollte nicht die Rentner dafür finanziel verantwortlich machen, heißt es dazu in einem Positionspapier der IG-Metall. Darin fordert die Gewerkschaft Mindestlöhne, flexible Altersübergänge auch vor dem 65. Lebensjahr und eine solidarische Erwerbstätigenversicherung für alle: Selbstständige ebenso wie Parlamentarier und Beamte sollen künftig in die gesetzliche Rentenversicherung einbezogen werden. Ihren Kurswechsel für ein gutes Leben bringt die IG Metall mit Aktionen im Herbst auf die Straße, so auch bei der Kundgebung vor dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales am 27. Oktober in Berlin.
Im Herbst überprüft die Bundesregierung, ob die Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre angesichts der Arbeitsmarktentwicklung sowie der wirtschaftlichen und sozialen Situation
älterer Arbeitnehmer vertretbar ist. Die IG Metall nimmt diese Prüfung zum Anlass, Alternativen zur politischen Debatte einzubringen. Informationen finden Sie unter
www.igmetall.de







