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Icon   Klaus Kordon: Im Spinnennetz

Eine Jugendliebe in vordemokratischer Zeit

Gunter Lange • 04. November 2010

Beltz
Beltz & Gelberg Verlag

Der 16-jährige Gymnasiast David Rackebrandt erlebt in Berlin das wilhelminische Kaiserreich mit seinen politischen und sozialen Widersprüchen. Sein Großvater Friedrich sitzt als politischer Häftling im Gefängnis Plötzensee, seine Mutter Rieke veröffentlicht sozialkritische Zeichnungen. So wird der aus einer Zimmererfamilie stammende Schüler von den großbürgerlichen Gymnasiallehrern verachtet.

Klassenjustiz und Mietskasernen

Davids Onkel August ist ein Armenarzt, sein Onkel Köbbe ein feuriger Journalist, der aus seiner Nähe zur Sozialdemokratie keinen Hehl macht. Lebhafte Debatten in der Familie gehören zu Davids Alltag, auch die Kontroversen zwischen den Brüdern August und Köbbe.

Die Klassenjustiz, die seinem Großvater widerfuhr, sensibilisiert David für Recht und Gerechtigkeit. Er beteiligt sich an einer nächtlichen Plakataktion "Freiheit für die politischen Gefangenen" und gerät selbst ins Visier der Polizei.

Bei Onkel August lernt David Anna kennen, als sie ihren an Diphterie erkrankten jüngeren Bruder Bruno in die Praxis bringt. Annas Familie zählt zu den ärmsten der Stadt, lebt mit fünf Kindern in einem Mansardenzimmerchen. Der Vater ist seit Jahren arbeitslos, die Kinder nähen aus Stoffreste Spielzeugtiere und füllen sie mit Sägespänen. An Schule ist nicht zu denken. Anna führt David in die schlimmsten Mietskasernen im Berliner Stadtteil Wedding. Es ist für ihn, den Handwerkersohn eine andere Welt in der ein rauer Ton herrscht. Die Milieus der beiden sind arg verschieden und so fällt es ihnen schwer, sich zu finden und zu erkennen wie der andere tickt. Der Autor entwickelt die Beziehungsgeschichte sehr behutsam, webt einfühlsam die Familienmilieus.

Wendepunkte der Geschichte

Das Jahr 1890 hat Klaus Kordon nicht zufällig zum Schauplatz seines Romans gemacht. Er sieht das Datum als Wendepunkt in der deutschen Geschichte, hin zu mehr Demokratie. Davon profitierte bei den nachfolgenden Reichstagswahlen vor allem die Sozialdemokratie. So bekommt der Roman über eine Jugendliebe politische Farbe.

Kordons Stammleserschaft trifft auf alte Bekannte. "Im Spinnennetz" ist der letzte Teil einer dreiteiligen Familiensaga. Ihr erstes Buch, "1848", ist die Geschichte von Frieder und Jette Jacobi, den Großeltern Davids. Mit Rieke, August und Köbbe geht es im Roman "Fünf Finger hat die Hand", der im Jahr 1871 spielt, in die zweite Runde. Jetzt rundet die Geschichte um David und Anna die Familien-Saga der Jacobis ab.

In allen drei Romanen zeichnet Klaus Kordon detailreiche Gesellschaftsbilder der Jahre 1848, 1871 und 1890. In dieser autoritätshörigen Zeit verkörpern die Jacobis das Prinzip Hoffnung. Dies gerät dem Autor nicht plakativ, sondern mit fein gezeichneten Milieuschilderungen voll menschlicher Höhen und Tiefen. Kordons Romane sind dem Genre des "Jugendromans" zugeordnet. Das ist nicht falsch. Aber sie sprechen an zeitgeschichtlichen Themen Interessierte aus allen Altersgruppen an.

Klaus Kordon: "Im Spinnennetz. Die Geschichte von David und Anna", Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim, 2010, 557 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-407-81071-7

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