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Brauchen die Deutschen eine gemeinsame Nationalgeschichte?

Doreen Tiepke • 27. October 2010

Foto: © Jim Pfeffer / PIXELIO
Foto: © Jim Pfeffer / PIXELIO

Wir sind auf dem Wege zu einer gemeinsamen Nationalgeschichte", sagte Egon Bahr und zeigte sich zuversichtlich, dass es ein Zusammenwachsen ohne Vergessen und Verdrängen geben werde. Er zitierte Helmut Kohl: "Ohne Versöhnung ist die innere Einheit nicht möglich". Allerdings werde immer noch zwischen "Ossi" und "Wessi" unterschieden und man könne den Eindruck gewinnen, "dass wir uns mit Nachbarn eher versöhnen, als mit uns selbst", sagte Bahr. Geteilt in zwei Staaten konnte es für Deutschland kein normales Nationalgefühl geben. Das Land habe sich nicht etwa mit der Wende 1989 von Amerika emanzipiert, sondern erst mit Gerhard Schröders Nein zum Irakkrieg.

Warnungen

Der Historiker Moshe Zimmermann reagierte irritiert auf die Diskussion um eine gemeinsame Nationalgeschichte der Deutschen. Für ihn sei das der "Versuch ein Kollektiv zu gründen, aus dem man andere ausschließen kann". Gerade jetzt, wo man fast in einem vereinten Europa angekommen sei, verwundere es ihn sehr, dass sich eine europäische Bevölkerungsgruppe Gedanken darüber mache, die eigene Nationalgeschichte neu zu beleben. Er warnte vor dem Weg in ein deutsches 19. Jahrhundert oder ein 21. Jahrhundert Israels - beides sei nicht sehr empfehlenswert.

Zimmermanns Sicht erregte Widerspruch. Der Publizist Friedrich Dieckmann sagte, er sehe Deutschland nicht als "exkludierenden Nationalstaat" und der Historiker Peter Brandt betonte: "Nationalgeschichte ist die Deutung der nationalen Geschichte. Ob wir das gut oder schlecht finden: das Nationale ist ein geschichtswirksamer Faktor." Mit diesem könne man sich äußerst kritisch auseinandersetzen, doch die nationalen Einheiten seien Bausteine für Europa.

Strittige Positionen

Egon Bahr wurde laut als er sagte, er könne Zimmermanns Position nicht verstehen. Deutschland sei jahrzehntelang von vier Mächten beherrscht worden, die von Einheit sprachen, diese aber nicht wollten. Sie sei erst nach 1989, durch den Volkswillen und die Revolution möglich geworden. Dass man nun nach einer gemeinsamen Nationalgeschichte suche, bedeute nicht, das Deutschland exkludierend wirke. Für diesen Beitrag erntet Bahr Beifall. Zimmermann bemerkte: "1989 und das was heute geschieht, ist etwas anderes." Einige Zuhörer stimmten zu, so wurde spürbar, dass sich nicht nur auf dem Podium zwei unterschiedliche Sichtweisen herrschten.

Die Diskussion um eine gemeinsame Nationalgeschichte ist und sollte streitbar sein. Der Historiker Gustav Seibt, der mit den Worten "jede Geschichte Europas hat Reizfälle", einen eindrucksvollen Blick in die Geschichte Europas warf, wirkte angenehm ausgleichend zwischen den unterschiedlichen Positionen der Diskutierenden. Die kurze Zeit reichte allerdings nicht aus, um zu einer Annäherung zu kommen. Eine zweite Runde wäre sehr interessant.

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