Ein neuer Aufstand wie im Mai 1968? Kein Vergleich: Es geht um die Sicherung der Zukunft, vor allem um die Gewissheit, nach dem Schul- oder Hochschulabschluss in der Grande Nation einen Beruf
ausüben zu können.
Zahlen illustrieren nüchtern ihre Lage. 25 Prozent aller 16- bis 25-jährigen Franzosen sind arbeitslos. Das ist die höchste Rate im EU-Raum. Gewiss: In die Banlieues, die
krisengeschüttelten Vororte großer französischer Städte, werden Milliarden Euro gepumpt. Aber die Gelder versickern in Gebäuderenovierung und in neue Verkehrsanbindungen. Ein sogenannter
Marschall-Plan, den Nicolas Sarkozy gleich nach seiner Wahl zum Präsidenten im Juni 2007 vollmundig angekündigt hatte, wurde ein Jahr später klammheimlich beerdigt.
Das gescheiterte Projekt reiht sich ein in Reformversprechungen, die nie gehalten wurden. Wie kann Sarkozy auch die Realität auf dem Arbeitsmarkt für junge Franzosen erkennen, schreibt der
Rundfunkjournalist Thomas Legrand in seinem Buch "Ce n´est rien!" (etwa: Da war wohl nichts mit Sarkozy), wenn der Präsident aus seinem Elyséepalast, den Salons des vornehmen 16. Arrondissements
und aus der Villa seiner Frau Carla Bruni an der Cote d´Azur nicht herauskommt?
Victor, der professionelle Aufwiegler
Tiefe Enttäuschung bei einem Teil der französischen Jugend. Wieselflink war der 16-jährige Schüler Victor Colombani in den letzten Wochen unterwegs, um etwas Optimismus zu verbreiten.
Hochmotiviert organisierte er wie ein professioneller Aufwiegler den Widerstand. "Sollen wir Barrikaden errichten?", fragten ihn Mitschüler. "Ja, holt Euch Holzpaletten und Müllcontainer!" "Wo
und wie lange sollen wir auf die Straße gehen?" Der kleine schmächtige Protestkoordinator und Chef des Schülerverbandes "Union Nationale Lycéenne" (UNL): "Schaut auf meine e-mails, nehmt Eure
Handys, liest Facebook, ok? Also bis später"
Ein Novum bei der Mobilisierung der Freunde. Alle modernen elektronischen Mittel setzten Schüler und Studenten ein, um im Minutentakt den Protest neben den Gewerkschaftlern zu organisieren.
Die konservative Regierung behauptet, die Arbeiterorganisationen hätten die Jugend verhetzt. Entschieden wehrten sich die Schüler gegen den Vorwurf. Gewerkschaftsführer wie Bernard Thibault (CGT)
und Francois Chérèque (CFDT) hatten sich lediglich dazu bereit erklärt, sie mit marschieren zu lassen. Dass die "kleinen Cohn-Bendits" sich gegen die Rentenreform wenden, sei vor dem Hintergrund
verständlich, dass sie ihre Zukunft düster, sehr düster sehen.
Das Argument der Jungen, durch Erhöhung des Renteneintrittsalters von 60 auf 62 Jahre blockierten die Alten die Arbeitsplätze, zieht nur halb. Der Soziologe Olivier Galland sagt zwar, für
die Jugendlichen halte die Gesellschaft die Türen geschlossen, aber der Hinweis, dass nur wirtschaftliches Wachstum mehr Jobs bringe, ist nicht von der Hand zu weisen. Galland liegt richtig mit
der Bemerkung: "70 Prozent der Dreißiger arbeiten nach einem zeitlich befristeten Vertrag!" Sarkozy hat die Unternehmer nicht motiviert, mehr junge Menschen einzustellen. Jetzt, nachdem die
Rentenreform in beiden Häusern des Parlaments angenommen wurde, will der Arbeitgeberverband MEDEF über Arbeits- und Lehrangebote mit sich reden lassen.
Ohne Jobs keine Lust aufs Studium
Victor Colombani, der von Schule zu Schule reiste, um den Widerstand auf die Beine zu stellen, spricht wie ein Erwachsener. Reporter scharrten sich um ihn. Auf allen Fernsehkanälen war der
redegewandte Oberschüler zu sehen. Er will weiter einer der Anführer der 15- bis 17-Jährigen in Frankreich sein. Wie bitte, er sei zu jung, um sich um die Rente zu kümmern? Seine Antwort: "Sie
betrifft uns alle! Sarkozy ignoriert unsere Zukunft. Er will uns nicht hören!" Die Reform verstelle uns alle Aussichten.
Hunderte Schüler kamen zu Wort. Die Mehrheit waren erstaunlicherweise Schülerinnen und Studentinnen. "Wie sollen wir Lust auf ein Studium haben, wenn wir später keine Jobs bekommen?" Eine
22-jährige angehende Soziologin: "Die Alten sollen noch länger im Arbeitsprozess bleiben. Wo sind dann die Arbeitsplätze für uns?" Ein Mathematikstudent: "Hören Sie, wir haben in Europa die
meisten jungen Arbeitslosen. Was tut Sarkozy? Ist er nur für die Reichen da?"
"Précarité", zu deutsch Unsicherheit und von Zukunftsangst geprägte Ratlosigkeit, so äußern sich viele jungen Franzosen in diesen Tagen. Gewiss, sagen sie: "Die Altersversorgung ist für uns
noch weit entfernt." Doch für sie ist der Protest auch ein Votum gegen Sarkozy, den sie als Versager angreifen. Zugleich zeigt ihr Protest eine politische Reife - die Mehrheit der Schüler auf den
Straßen ist 15 bis 17 Jahre alt - die vielen Politologen erstaunt, verblüfft und verwundert. Eltern oder Lehrer haben sie kaum beeinflusst, eher ältere Studenten aus Frankreichs Universitäten.
Mai 1968 ist für sie weit weg. Ihr künftiger Platz in der französischen Gesellschaft und damit ihre Zukunft aber sind für sie ganz nahe.







