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Icon   Rezension; Renate Kroll: „Victoria Ocampo“

Freigeist an der Schnittstelle der Kulturen

Dorle Gelbhaar • 01. November 2010

Foto: Aufbau verlag
Foto: Aufbau verlag

Sie hat ihre Netze von Argentinien aus weithin über die Welt gesponnen, ähnlich wie Frida Kahlo von Mexiko aus. Allerdings war die Literatin Victoria Ocampo nicht in solchem Maße Leidende wie die Malerin. Zumindest litt sie physisch nicht so. Und seelisch?

Renate Kroll, die Herausgeberin des Buches "Victoria Ocampo. Mein Leben ist mein Werk", versucht das herauszufinden. Sie beleuchtet Leben und Schaffen der Literaturliebhaberin insbesondere anhand der Briefe, die Ocampo mit literarischen Größen ihrer Zeit verbanden. Die wiederum ließen recht unterschiedliche, allerdings stets von Neugier und Bewunderung getragene Bilder von ihr entstehen. Wer war diese Frau, für die sich Berühmtheiten aus aller Welt interessierten?

Geistige Voraussetzungen
Victoria Ocampo, argentinische Literaturliebhaberin, Publizistin und Verlegerin, agierte an einer Schnittstelle zwischen südamerikanischer und europäischer Kultur des beginnenden 20. Jahrhunderts. Als Aristokratin von Geburt privilegiert, durch sorgfältige Erziehung - von drei Hauslehrerinnen unterstützt - der geistigen Schätze der Welt kundig, war sie außerdem mit materiellem Reichtum ausgestattet. Der versetzte sie in die Lage, Geistesgrößen wie etwa dem berühmten indischen Dichter Rabindranath Tagore bei seinem Argentinien-Besuch ein geräumiges Wohnhaus mit Dienerschaft zur Verfügung zu stellen.

Sie besaß Initiative, war literarisch begabt. Die von ihr gegründete Zeitschrift "SUR" war Podium für Dichter von Weltrang, darunter die Chilenin Gabriela Mistral, die Britin Virginia Woolfe oder der Argentinier Jorge Louis Borges. Mit literarischen Größen von Weltrang verkehrte Ocampo aufs Herzlichste, beförderte deren Schaffen mit Einladungen zu Vortragsreisen und in regem geistigen Austausch. Für Renate Kroll, war die Beschäftigung mit Victoria Ocampo daher zugleich eine Beschäftigung mit einer ganzen Epoche der Weltliteratur.

Menschliche Näherung an den Geist der Zeit
Sie zitiert aus Briefen, Erinnerungen und Essays Ocampos, um deutlich zu machen, in welchen Bahnen sich ihr Leben und Schaffen bewegten. Die zitierenden Passagen verbindet Kroll mit eigenen Texten, in denen sie erklärt, in welchem Zusammenhang der jeweilige Text der Argentinierin bzw. ihrer Briefpartner oder -partnerinnen entstand. Auf diese Weise ist sehr lebendig anzuschauen, wie sich unter den gegebenen Verhältnissen Beziehungen über Ländergrenzen hinweg entwickelten.

Politik war zunächst einmal nicht das Feld der argentinischen Schriftstellerin, Übersetzerin und Verlegerin. Kindheit, Jugend und Erwachsensein über lebte sie in begüterten Verhältnissen, frei von materiellen Nöten. Von daher könnte man meinen, es entstünde hier ein sehr subjektives, wenig über soziale und politische Umstände der Zeit aussagendes Bild.

Weit gefehlt. Konfrontiert mit Lebensentwürfen ganz anderer Art, von Geliebten und Literatur-Freunden, wurde Ocampo - wie die Schreibenden in verschiedenen Ländern der Welt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts - in das politische Geschehen hineingerissen, ob sie sich daran beteiligen wollte oder nicht. Ihre Zeitschrift "SUR" verstand sich zwar als unpolitisch, weder faschistischen, noch kommunistischen Ideen frönend. Trotzdem geriet der Freigeist Victoria Ocampo ins Visier der Politik, wurde während des Peronismus mehrere Wochen inhaftiert.

Feminismus und Literatur
Soziale Probleme spielten in ihrem Leben insofern eine Rolle, als das argentinische Mädchen Victoria durch ihre Familie zwar privilegiert, durch ihr Geschlecht aber diskriminiert war. Ihr großer Drang nach Wissen und Freiheit prädestinierten sie daher zu einer Vorreiterin für die Rechte der Frauen - schon allein dadurch, wie sie ihr Leben entgegen allen familiären Zwängen selbst in die Hand nahm. Der Zugang zum geschriebenen Wort, dem fremden wie dem eigenen, ebnete ihr den Weg zur Teilhabe an der Gestaltung nationaler und internationaler Kultur. Sie knüpfte Kontakte zu ähnlich denkenden Autorinnen wie Virginia Woolfe, hob deren Denkansätze und Literaturwelten ins öffentliche Bewusstsein. Dafür setzte sie ihr großes Vermögen vollständig ein.

Renate Kroll: "Victoria Ocampo. Mein Leben ist mein Werk. Eine Biographie in Selbstzeugnissen", Aufbau Verlag, Berlin, 2010, 339 Seiten, 22,95 Euro, ISBN 9783351 027247

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