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Die Geier kreisen wieder

Uwe Knüpfer • 23. October 2010

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"Der Lärm. Das Fluchen. Nur durch eigene Cleverness überleben. Nur dem eigenen Instinkt vertrauen. Er liebte das alles."

Solche Sätze kennt man aus Kriminalromanen. Aus solchen der eher reißerischen Art. Deren Lektüre Nervenkitzel mit wohligen Schauern paart, die sich dem Wissen verdanken, dass die Welt so schlimm in Wahrheit gar nicht ist.

Von wegen. Ist sie doch. Jedenfalls die Welt der sogenannten Hochfinanz. Die Welt der Finanzjongleure an der Wall Street. Die Welt der selbsternannten Masters of the Universe, die in Hubschraubern von ihren ländlichen Anwesen zum Tatort Manhattan einschweben und die in Privatjets um den Globus düsen. Die es für selbstverständlich halten, dass Politiker nach ihrer Pfeife tanzen und sie beneiden, allein schon deshalb, weil ihre Weihnachts-Boni ein Vielfaches der Jahresbezüge des US-Präsidenten betragen.

Man könnte mutmaßen, es handele sich bei diesen Zauberern um Wesen von einem anderen Stern. Um Menschengleiche, die einfach klüger, wissender, schlauer und viel intelligenter sind als wir, verantwortungsbewusster natürlich auch - beeinflussen ihre Entscheidungen doch die Schicksale von Millionen.

Könnte man, gäbe es das Buch "Die Unfehlbaren" von Andrew Ross Sorkin nicht, aus dem die eingangs zitierten Sätze stammen. Oder diese: "Jeder Tag ist ein Kampf. Du musst den Feind töten."

Soll man staunen oder schreien?

Dieses Buch ist kein Roman, auch wenn es sich so liest und man wünschte, Sorkins Story wäre frei erfunden. Doch der Autor ist Journalist. Er hat für die New York Times mit all den gefallenen und überlebenden "Helden" der Finanzmarktkrise 2008 gesprochen. Viele haben ihm ihre privaten Notizen und ihre Terminkalender überlassen. So konnte Sorkin minutiös und detailreich rekonstruieren, wie es zur Pleite der Investmentbank Lehman's Brothers kommen konnte - oder besser: musste.

Die überwältigende Faktenfülle des Buches kann verwirren, aber eines wird beim Lesen erschreckend klar: Die Menschen, die an der Wall Street unser Geld verwalten, die Banker, in deren Händen der Wohlstand der Nationen liegt, die Finanzmagnaten, die leben wie die Könige: sie benehmen sich wie Gangster - und schätzen einander auch genau so ein. Sie sind absolut skrupellos, frei von jedem Verantwortungsgefühl gegenüber einem größeren Ganzen oder auch nur ihren mittelbar Untergebenen, zudem erstaunlich unwissend und lebensunfähig, sobald sie sich auf anderem Terrain bewegen als in Luxussuiten, ihren Büros und der Welt der Zahlenkolonnen. Man weiß bei der Lektüre nicht, ob man staunen soll oder vor Entsetzen laut schreien.

Sie wussten, was sie taten

Was Sorkin auf lakonisch nüchterne, deshalb umso erschreckendere Weise deutlich macht: Es ist kein Zufall, dass solche Leute in die Chefetagen der Investmentbanken - und anderer Bankhäuser, die auf die größeren Profite der Investmentbanker neidisch waren - aufgestiegen sind. Dahinter steckt System. Fast alle Akteure sind soziale Aufsteiger, die deshalb gefördert wurden, weil sie alles, aber auch alles zu tun und zu opfern bereit waren, um reich und mächtig zu werden.

Auch erkennbar wird: Sie wussten, was sie taten. Sie und die, die sie engagierten und gewähren ließen. Sie wussten, dass die US-amerikanische Blase der überbewerteten Immobilien und der an Habenichtse vergebenen Hypothekendarlehen würde platzen müssen. Ziel all ihres Handelns war lediglich, dafür nicht zur Rechenschaft gezogen zu werden. Die Risiken rechtzeitig abgewälzt zu haben auf andere Banken, andere Anleger als die eigenen Kunden. Und sich am Ende verdrückt zu haben, bevor die Blase platzte. Mit Boni und Abfindungen in Höhe von oft dreistelligen Millionenbeträgen. Und die Aufkehrarbeit anderen, möglichst: Politikern, also den Steuerzahlern zu überlassen.

Das Schlimmste: Der Plan ist aufgegangen. Keiner der Protagonisten des Buches lebt im Elend - und als Elend würden sie es schon empfinden, statt sechsLimousinen nur drei halten zu können. Niemand haftet, außer kleinen Fischen. Und: so gut wie nichts hat sich geändert. Sorkin: "Die Geier kreisen wieder: Sie beschaffen sich Geld und warten auf den Zusammenbruch des Marktes für Gewerbeimmobilien, um das Geschäft ihres Lebens zu machen."

Und wir sehen scheinbar ohnmächtig und jedenfalls tatenlos zu.

Andrew Ross Sorkin: "Die Unfehlbaren, Wie Banker und Politiker nach der Lehman-Pleite darum kämpften, das Finanzsystem zu retten - und sich selbst", DVA, München 2010, 624 Seiten, 24,99 Euro, ISBN 3421044880

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