Sloterdijk hatte in seinem Beitrag das FDP-Totschlagargument bemüht, die Hälfte aller Staatseinnahmen werde von den "oberen 10 % der Gesellschaft" erwirtschaftet. Es sei verwunderlich, dass es noch nicht zu einer Revolution dieser produktiven Mitglieder der Gesellschaft gekommen sei, obwohl diese seit Jahren völlig grundlos den unproduktiven Teil der Gesellschaft durchfütterten. Honneth stellte in seiner zunächst sachlichen Antwort dar, dass der Reichtum der sogenannten Leistungsträger größtenteils durch Zufall oder durch Ausbeutung von Arbeitnehmern erwirtschaftet werde. Es wäre deshalb im Grunde eine noch stärkere Umverteilung von oben nach unten gerechtfertigt.
Allerdings endete Honneths Beitrag darin, dass er Sloterdijk "Verquatschtheit" vorwarf. Der Angegriffene antwortete nun ebenfalls persönlich: Er erklärte in seiner Antwort, Honneth könne nicht mitreden, weil er mehrere tausend Seiten Lektürerückstand von Sloterdijks Schriften habe, eine Auseinandersetzung sei deshalb nicht sinnvoll. Der Streit war entfacht und wurde in vielen Feuilletons von Philosophen und Publizisten weitergeführt.
Sloterdijks Menschenbild
Jan Rehmann und Thomas Wagner arbeiten die Debatte in dem Buch "Angriff der Leistungsträger?" auf. Die wichtigsten Beiträge sind darin nachgedruckt. Lesenswert ist - im Gegensatz zu vielen anderen Sammelbänden dieser Art - ihre klug geschriebene Einleitung. Sie liefert eine hervorragende Zusammenfassung des Streits und liefert das nötige Hintergrundbewusstsein.
Es war eine gute Entscheidung, das Buch mit drei Beiträge über die geistige Entwicklung Sloterdijks zu beginnen. Diese sind wichtig um das philosophische Denken Sloterdijks all jenen näher zu bringen, die bisher noch keine Gelegenheit hatten, die sechs- bis achttausend wichtigsten Seiten des Sloterdijk'schen Werkes zu lesen. Sie sind, laut seiner Aussage, nicht qualifziert, ihm in irgendeiner Form zu antworten.
Das ist ein spannender Aspekt, fragt man sich doch, warum ein (vermeintlich) kluger Kopf wie Sloterdijk derart abwegige Thesen aufstellt. Klar wird dabei, dass es sich keinesfalls um eine Provokation Sloterdijks handelt, wie von Seiten konserverativer Medien teilweise beschönigend unterstellt wurde (Karl-Heinz Bohrers Lobhudeleien der Gleichheit in der "FAZ"). Vielmehr steckt dahinter ein ganz bestimmtes Menschenbild. Besonders deutlich wird dies daran, dass Sloterdijk bereits 2005 mit einem strukturellen Gegensatz von produktivem "working rich" und unproduktiven "parasitären Armen" gearbeitet hatte.
"Philosophischer Hochstapler"
Im zweiten Teil des Bands folgt nun die Darstellung der medialen Debatte. Vorangestellt werden die Ursprungstexte von Sloterdijk und Honneth als Zusammenfassungen, gefolgt von wichtige Diskussionsbeiträge aus den unterschiedlichsten Medien, von der Zeit über die Frankfurter Allgemeine bis hin zu Jungle World und Freitag. Sie machen deutlich, dass es sehr gut strukturierte Argumentationen gegen die Sloterdijk'schen Vorschläge gibt und die Plumpheit seiner Vorgehensweise leicht zu entlarven ist.
Ein Lichtblick ist beispielsweise Dirk Pilz, der in der Berliner Zeitung bemerkte, dass Sloterdijks Argumentation schon in sich unschlüssig sei, da er kein Wort über die institutionelle Absicherung seines vorgeschlagenen Spendensystems verliere. Zudem wird er wohltuend deutlich, wenn er Sloterdijk als "philosophischen Hochstapler" bezeichnet, der polemisiere und im Zweifel nicht auf Einwände eingehe. So hatte Sloterdijks auch versucht, der Auseinandersetzung mit Honneth auszuweichen.
Sloterdijk und Sarrazin
Im dritten Teil wird die Debatte über Sloterdijks (neuere) Philosophie fortgesetzt. Wissenschaftliche Beiträge bewerten seine Thesen. Hier werden die Vorschläge nicht isoliert diskutiert, sondern in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext eingebettet. So werden beispielsweise auch Bezüge zu anderen Personen hergestellt, die versuchen, die Gesellschaft zu spalten. So bringt Albrecht von Lucke in seinem Text Sloterdijk und Sarrazin in Verbindung und skizziert die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, die durch sie ausgelöst werden.
Man muss sich angesichts der inhaltlichen Qualität der Vorschläge vonPeter Sloterdijk, mit denen die Debatte begann, ernsthaft fragen, ob ihnen nicht viel zu viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Entscheidet man sich aber für eine Auseinandersetzung mit dem Thema, bietet dieses Buch eine hervorragende Ausgangslage dafür.
Jan Rehmann, Thomas Wagner (Hrsg.): "Angriff der Leistungsträger? Das Buch zur Sloterdijk-Debatte", Argument Verlag, 2010 , 19,90 Euro, Hamburg, ISBN 978-3-86754-307-1







