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Die Wolke 2.0

Kai Doering • 19. October 2010

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Als Gudrun Pausewang 1987 ihren Jugendroman "Die Wolke" veröffentlichte, lag die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl erst wenige Monate zurück. Die Gefahren der Atomkraft waren den Menschen mit der größtmöglichen Brutalität vor Augen geführt worden. Pausewangs Buch wurde schnell zu einer Bibel der Anti-AKW-Bewegung und zur Pflichtlektüre in deutschen Schulen.

Gut zwanzig Jahre später scheint die Bundesrepublik in der Energiepolitik erneut an einem Scheideweg zu stehen. Die Risiken der Kernkraft stellt zwar niemand mehr infrage, doch sind sie teilweise in Vergessenheit geraten und werden von Energiekonzernen und konservativen Politikern relativiert. Atomkraftwerke werden gar als "Klimaschützer" grün gewaschen.

Roman im Manga-Stil

In dieser Atmosphäre ist "Die Wolke" in einer neuen Form erschienen. Die Comiczeichnerin Anike Hage hat den Roman in eine Graphic Novel umgewandelt und so in ein jugendgerechtes Format gegossen. Im Stil japanischer Mangas erzählt sie die Geschichte der 14- Jährigen Janna, die mit ihrem kleinen Bruder Uli vor einer radioaktiven Staubwolke flieht. Sie ist bei einem Reaktorunfall des Kraftwerks Marktebersberg freigesetzt worden.

Nach dem Unfalltod ihres Bruders schlägt sich Janna allein durch, wird von atomarem Regen verseucht und in einem Nothospital behandelt. Nach einigen Wochen nimmt sie ihre Tante in Hamburg zu sich, da die Eltern bei der Reaktorkatastrophe ums Leben gekommen sind. Nach und nach bekommt Janna das Ausmaß des Unfalls mit und lernt am eigenen Leib die Folgen für die Strahlengeschädigten kennen.

Moderne Vermittlung einer zeitlosen Botschaft

Leicht abgewandelt und gekürzt erzählt Anike Hage Pausewangs Was-wäre-wenn-Geschichte auf mitreißende, moderne Art nach. Ihre Zeichnungen untermalen die Botschaft der Romanautorin eindrucksvoll und hauchen deren Figuren Leben ein. Hage sucht nicht die Sensation und zeichnet keine verstümmelten Leichen. Gerade dadurch erreicht sie eine besondere Klarheit, die den Horror eines möglichen Atomunfalls drastisch darstellt. Versinnbildlicht wird das an Janna, der nach und nach die Haare ausfallen und die schließlich wegen des sozialen Drucks ihre Glatze verstecken muss.

Anike Hage hat mir ihrer Comic-Version der "Wolke", die sich in erster Linie an 13- bis 15-Jährige richtet, einen Weg gefunden, das nach wie vor hochaktuelle Thema der atomaren Bedrohung auf moderne Weise zu vermitteln. Nach einer Lesung vor 300 Schülern beim Hamburger "Harbour Front Literaturfestival" im September gaben viele einen Teil ihres Taschengelds aus, um ein Taschenbuch-Exemplar zu erstehen.

50 Jahre nachdem das erste Atomkraftwerk in Deutschland ans Netz gegangen ist, bleiben die Gefahren dieselben. Was 1987 bei der Veröffentlichung von Gudrun Pauswangs "Die Wolke" galt, gilt heute ebenso. Seit Tschernobyl hat es viele Beinahe-Unfälle gegeben. Wann es zu einem wirklichen GAU kommt, kann niemand vorhersagen. Deshalb ist es wichtig, die Erinnerung an die Gefahren der Atomkraft wach zu halten. Anike Hages Comic ist dafür gemacht.

Anike Hage: Die Wolke. Comic nach dem Roman von Gudrun Pausewang, Tokyopop Verlag 6,50 Euro, ISBN 978-3842000490

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