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So wird Ausländerfeindlichkeit hoffähig gemacht

Renate Faerber-Husemann • 11. October 2010

Foto: Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de
Foto: Stephanie Hofschlaeger, pixelio.de

"Deutschenfeindlichkeit" an deutschen Schulen hat sie beklagt, berichtet, wie deutsche Schüler von ausländischen gemobbt werden. Das sei ja wohl ein Fall für das Strafrecht, merkte die Familienministerin etwas nebulös noch an und bekommt dafür hoffentlich von der Justizministerin eine auf die Finger. Ich weiß nicht, unter welcher Glasglocke die Frau aufgewachsen ist. Im normalen Leben ist das so: Kinder sind keine besseren Menschen als Erwachsene: Mehrheiten mobben Minderheiten.

Wer kein Geld und die falschen Klamotten hat, wird ausgegrenzt

Lehrer mobben Schüler und Schüler mobben Lehrer. Wer nicht in der Herde läuft, hat es schwer. Drei Jahre wurde ich in einer schwäbischen Dorfschule von Mitschülern und Lehrern gemobbt (das Wort gab es noch lange nicht und Ausländer lebten im Ausland), weil ich den Dialekt nicht beherrschte, weil ich mich im katholischen Religionsunterricht nicht zu benehmen wusste, weil ich Linkshänderin war und mit dem "bösen Händchen" schrieb. Es war ein Albtraum, aber ein rein deutscher Albtraum. Und fast jeder Erwachsene hat solche Geschichten zu erzählen. Man mobbt wie die Mehrheit oder man wird gemobbt. Kinder sind grausam, wenn sie von den Erwachsenen nicht im Zaum gehalten werden.

Diese Erkenntnis ist so alt wie die Weltgeschichte. Nur die Familienministerin weiß das nicht. Anscheinend ist ihr auch nicht klar, dass sie für türkische oder arabische Kinder genauso zuständig ist wie für solche mit rein deutscher Ahnentafel. Und das macht ihr elendes Geplapper zu einem politischen Fall. Sie hat deutlich gezeigt, dass sie ihre Verantwortung für einen Fernsehauftritt verkauft.

Ein Einzelfall ist sie nicht. Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer ist, weil ihm die Wähler davonlaufen, bereit, die Verfassung zu verbiegen oder gar zu brechen. Zuzugstopp für Türken und Araber, das bedeutet: Kein Familiennachzug mehr, keine Aufnahme von Menschen, die in diesen Ländern politisch verfolgt werden.

Tabubrecher der schlimmen Art

Das alles hat ursächlich mit Thilo Sarrazin zu tun, der sich mit einem unanständigen Buch eine goldene Nase verdient. Die Auflage liegt derzeit bei 650 000. Der selbst ernannte Rassebiologe macht Debattenbeiträge hoffähig, die bisher zwar auch gedacht - aber wenigstens nicht ausgesprochen wurden.

Er ist ein Tabubrecher der schlimmen Art. "Man wird doch wohl noch sagen dürfen…." heißt es jetzt trotzig unter Bezug auf einen leibhaftigen gewesenen Senator und Bundesbanker. Manche seiner Sätze gehörten in das Werk "Aus dem Wörterbuch des Unmenschen", wenn es denn aktualisiert würde. Was aber tut er, der die Lawine losgetreten hat?

Er bemitleidet sich als Opfer, beklagt sich bitterlich über das "bürgerliche Establishment". Und immer wieder mal wird es unfreiwillig komisch. Vor dem Fußballspiel Deutschland-Türkei hatte er vorsorglich angemahnt, es wäre ein falsches Signal, wenn die Deutschtürken die türkische Mannschaft unterstützen würden!

Schleusen weiter öffnen?
Zu all den unschönen Nachrichten zum Wochenbeginn gibt es noch eine weitere: Das Meinungsforschungsinstitut Allensbach hat erfahren, dass 55 Prozent de befragten Deutschen Muslime für eine Last halten. Und 37 Prozent der Ostdeutschen, die ja bekanntlich in von Türken und Arabern überfremdeten Regionen leben, teilen laut Allensbach Sarrazins Verdummungstheorie.

Muss Meinungsforschung eigentlich alles ermitteln, den Leuten die Chance geben, zu jedem Mist ihren Senf dazu zu geben? Diese Frage richtet sich übrigens auch an Journalistenkollegen, die Kristina Schröder die Möglichkeit gaben, ihre unfrisierten Gedanken zur besten Nachrichtenzeit unters Fernsehvolk zu bringen.

Es wird Zeit, dass wir alle innehalten, geborene und gelernte Deutsche gemeinsam. Sarrazin hat Schleusen geöffnet, die wir im Interesse des ganzen Landes wieder schließen müssen. Man muss ihn nicht noch toppen wollen wie Horst Seehofer, um ein paar Stimmen am rechten Rand abzufischen. Vor kurzer Zeit noch wäre die Kanzlerin ihm in die Parade gefahren. Aber zur Zeit wird ja durchregiert, koste es, was es wolle. Da dürfen es auch schon mal Appelle an die niedrigsten Instinkte sein.

Beklommen frage ich mich nach den Folgen: Werden bald wieder Ausländer und anders aussehende Deutsche durch unsere Städte gejagt? Und werden die Brandstifter dann treuherzig beteuern: Das haben wir nicht gewollt?

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