vorwärts.de: Warum machen Sie mit bei diesem Projekt?
Karin Kaltenkirchen: Wir leben das hier im Haus schon seit Jahrzehnten, so wie es für die einzelne Mitarbeiterin nötig ist. Nun bekommen wir dafür auch eine wissenschaftliche
Begleitung.
Wie reagieren sie als Unternehmen auf die Lebensphasen ihrer Beschäftigten?
Wir haben sehr viele Mitarbeiterinnen, die 10, 20, 30 Jahre bei uns sind. Es kann sein, dass jemand in all den Jahren seine Arbeitszeit mehrfach nach oben oder nach unten korrigiert. Die
jungen Frauen machen bei uns eine Ausbildung, arbeiten ein paar Jahre voll, nehmen zwei oder drei Jahre Elternzeit, wenn ein Kind kommt oder reduzieren die Arbeitszeit, kehren wieder zurück, in
Teilzeit oder Vollzeit. Wir besprechen mit den Mitarbeiterinnen, was ihre Bedürfnisse sind, das familiäre Umfeld aussieht und entwickeln daraus das Arbeitszeitmodell.
Verkaufen heißt viel Stehen. Das ist anstrengend. Beschäftigen Sie Ältere?
Wir haben Frauen über 50, über 60, selbst welche, die mit Mitte und über 65 noch ein bis zwei Tage kommen. Das haben wir immer so gemacht, denn wir bedienen mit unserer Ware junge Mädchen
und junge Frauen ebenso wie Ältere. Auch 70-Jährige wollen schöne Mode tragen, und die lassen sich am liebsten von Frauen beraten, die ähnlich alt sind. Die befinden sich auf einer Wellenlänge.
Verändert sich die Einstellung gegenüber Älteren aus Ihrer Sicht?
Wir haben das schon so gemacht, als ich das Geschäft vor zwölf Jahren von meinem Vater übernommen habe. Wir sind immer gut damit gefahren.
Wie schaffen die Frauen das körperlich?
Das ist anstrengend, aber sie bewegen sich ja auch viel, laufen hin und her, packen Ware aus. Aber natürlich tun schon mal die Füße weh oder der Rücken. Allerdings haben wir auch zwei
67-Jährige, die sind topfit, die ans Aufhören nicht denken.
Warum arbeiten die Frauen so lange. Brauchen sie das Geld?
Jain. Für viele ist es ein Zubrot. Sie müssten nicht unbedingt, aber sie wollen noch ein bisschen auf eigenen Beinen stehen. Natürlich freuen sie sich auf ein erhöhtes Privatleben im
Rentenalter, aber viele kommen ein- bis zweimal die Woche noch gerne, weil sie den Kontakt zu den Kunden, den Kollegen und zu der Ware schätzen.
Gibt es Führungspositionen in Teilzeit?
Wir haben beides. Warum soll ich auf eine Topkraft verzichten, weil sie für eine Weile wegen der Hausaufgabenbetreuung ihrer Kinder einen Tag weniger arbeiten will? Eine Kraft habe ich als
Teilzeitabteilungsleiterin eingestellt. Die war hervorragend ausgebildet, hatte zwei Kinder bekommen, war sechs Jahre aus dem Beruf und ihr alter Arbeitgeber wollte sie nicht in einer
Führungsposition. Ich habe sie genommen. Mir konnte gar nichts Besseres passieren! Wenn man diesen Frauen eine Chance gibt, dann sind sie hochgradig motiviert, weil es so unüblich ist.







