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Im Sinne der Verteidigung

Kai Doering • 08. October 2010

Vor einem Jahr saßen sie schon mal hier. Damals hieß das Buch "Verbrechen" und Justizministerin Brigitte Zypries war voll des Lobes für das Erstlingswerk des Strafverteidigers Ferdinand von Schirach. Ein Jahr später ist einiges anders. Zypries ist nicht mehr Justizministerin, von Schirach ist in der Literaturszene gefragt und der Buchtitel lautet "Schuld". Es ist sein zweites Werk.

Brigitte Zypries findet es freilich "genauso gut wie das erste". Ihre Hoffnung auf Band drei im kommenden Jahr zerstört Ferdinand von Schirach allerdings schnell. Er möchte nun erstmal Gedichte schreiben, "Geständnislyrik" wie er es nennt. Einen Verlag hat er noch nicht gefunden. Und auch vortragen möchte der Jurist nichts. "Dafür ist es noch zu fragmentarisch."

zwischen Moral und Rechtsprechung

Über "Schuld" redet er dagegen gerne. Wieder geht es um skurrile Verbrechen, die von Schirach seinem Strafverteidiger-Alltag entnommen und unkenntlich gemacht hat. Was geblieben ist, ist der Schrecken und die Fassungslosigkeit über die Delikte und welche juristischen Konsequenzen sie hatten bzw. nicht hatten.

Da ist etwa der Fall einer Männergruppe, die auf einem Volksfest verkleidet eine Kellnerin vergewaltigt. Nur einer der acht beteiligt sich nicht. Da jeder zur Tat schweigt, muss der Richter schließlich alle laufen lassen. Brigitte Zypries findet das "zum Kotzen", Ferdinand von Schirach dagegen "klug, lieber sieben Schuldige laufen zu lassen, statt einen Unschuldigen einzusperren".

beim nächsten Mal Gedichte

Es sind Grenzfälle zwischen Moral und Rechtsverständnis wie dieser, die es von Schirach angetan haben - und die seine Leser so mögen. Wie man mehr Empathie in die Gesellschaft bringen könne, will Brigitte Zypries schließlich wissen. "Indem man eine Debatte darüber startet, was in der Gesellschaft schief läuft", lautet von Schirachs Antwort. "Heute wird erst dann diskutiert, wenn es gekracht hat."

Das sieht Brigtte Zypries genauso. "Wir müssen die Wahrnehmung für Probleme in der Gesellschaft schärfen", fordert sie. Prävention sei schließlich auch billiger als hinterher zu reparieren. Am Ende herrscht also Einigkeit zwischen den beiden Juristen, für von Schirach fast ein wenig zu viel. "Mit Frau Zypris kann man einfach nicht diskutieren", beklagt er sich schmunzelnd. "Beim nächsten Mal sollten wir wirklich lieber über Gedichte sprechen. Da bin ich Ihnen wenigstens voraus."

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