vorwärts.de: In einem IAB-Kurzberichte von 2009 werden die Älteren als Hoffnungsträger in Zeiten des Fachkräftemangels bezeichnet. Wie kommt es dazu?
Ulrich Walwei: Die Älteren sind eine ganz wichtige Ressource, wenn von den Jungen qualitativ und quantitativ nicht mehr so viele nachkommen und uns aus dem Ausland nicht
massenhaft qualifizierte Fachleute zuströmen.
Aber Ältere sind häufiger arbeitslos und langzeitarbeitslos als Jüngere. Ändert sich das?
Ja, wenn auch sehr langsam. Der Anteil der älteren Erwerbstätigen in Relation zu ihrem Anteil an der Bevölkerung hat sich in den vergangenen zehn Jahren erhöht. Selbst wenn wir bei allen
Altersteilzeitfällen so tun, als ob sie sich schon in der Freistellungsphase befänden, steigt ihr Anteil an den Beschäftigten.
Gibt es Unterschiede zwischen den 55- bis 60-Jährigen und den über 60-Jährigen?
Je älter die Beschäftigten werden, umso geringer sind die Beschäftigungsquoten. Bei Frauen sind sie noch niedriger. Das liegt auch daran, dass sie bis 2006 noch mit 60 in Rente gehen
konnten.
Wie unterscheiden sich die Chancen zwischen älteren Geringqualifizierten und älteren Hochqualifizierten?
Ältere Hochqualifizierte haben relativ hohe Beschäftigungsquoten. Sie sind nicht viel niedriger als bei Jüngeren. Bei Fachkräften mit einem Berufsabschluss im dualen System ist die
Beschäftigungsquote der Älteren nicht ganz so hoch. Personen ohne Ausbildung und Qualifikation haben eine sehr niedrige Beschäftigungsquote. Sie sind häufiger arbeitslos und verdienen weniger, so
dass es im Alter sehr große Unterschiede bei den Renten gibt.
Normalerweise werden in einer Krise vor allem die Älteren entlassen. War das im 2008/2009 auch so?
Nein, die Beschäftigungsquoten Älterer sind nahezu unverändert. Dieses Mal hat man sich im Abschwung für das Horten von Arbeitskräften entschieden, vor allem von gut Ausgebildeten. Die
Betriebe wussten, dass es im nächsten Aufschwung schwierig werden würde, gute Leute zu finden. Das Nachsehen in der Krise hatte eher, wer gerade seine Ausbildung beendet hatte, einen befristeten
Arbeitsplatz hatte oder Leiharbeiter war.
Welche Chancen haben Ältere, wenn sie entlassen wurden, wieder zurück in den Arbeitsmarkt zu finden?
Das ist schwierig, obwohl die Bundesagentur für Arbeit Betrieben, die bereit sind, Ältere einzustellen, Eingliederungszuschüsse zahlt. Diese Zuschüsse werden von den Unternehmen auch
genutzt. Das zeigen Untersuchungen.
Sind die höheren Löhne oder Gehälter ein Hinderungsgrund?
Ältere waren meist lange in ihrem Stammbetrieb, haben sehr viele betriebsspezifische Kenntnisse, die meist entsprechend honoriert wurden. Wenn sie noch mal neu anfangen wollen, müssen sie
beim Einkommen Zugeständnisse machen. Das fällt schwer. Sie können ihren Lohn zwar von der Arbeitsagentur befristet aufstocken lassen, aber das wird nicht oft nachgefragt.
Die SPD fordert eine Erhöhung der Quote der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten bei den 60 bis 64 Jährigen - einschließlich der Altersteilzeit - von derzeit 24 Prozent auf
mindestens 50 Prozent. Lässt sich diese Quote erreichen und wenn ja, bis wann?
Wir reden über eine Dekade, wenn nicht mehr. Ein Effekt der Rente mit 67 ist, dass auch die 61-, 62-, 63-Jährigen eine starke Bindung an den Arbeitsmarkt behalten. Wenn sie zur Disposition
gestellt wird, geht diese Bindung verloren und es dauert länger, bis die 50 Prozent erreicht sind. Deshalb ist eine deutlich höhere Beschäftigungsquote nur dann erreichbar, wenn man das Gesetz
jetzt so lässt.







