vorwärts.de: Ist der demografische Wandel ein Thema in den Unternehmen?
Rolf Herzog: Viele Unternehmen machen gar nichts. Einige haben noch nichts davon gemerkt, andere sehen, dass sie keinen Nachwuchs mit den gewünschten Qualifikationen mehr
bekommen.
Renate Beisner: Es beginnt. Denn man fängt an, die Folgen zu spüren. Aber in der Regel sind die Konzepte so, dass sie das Phänomen nicht beheben.
Das müssen Sie erklären.
Beisner: Man versucht, einfache Antworten zu finden. Im Personalwesen entwickelt man Konzepte wie Demografiemanagement, die dann wirken sollen. Das heißt dann meist nur: Wir
machen die Alten ganz gesund, damit sie bis zur Rente arbeiten können.
Viele Menschen fürchten, auch gesundheitlich nicht bis 67 durchzuhalten. Warum reicht der Fokus auf die Gesundheit nicht?
Herzog: Die Unternehmen übersehen, dass es nicht nur darum geht, dass die alten Mitarbeiter gesund und fit bleiben. Das gilt für Junge genauso. In vielen Bereichen, in der IT-
oder der Medien-Branche fallen oft Junge wegen Burn Out aus. Die Frage ist vielmehr, was die Unternehmen tun müssen, damit die Alten noch arbeiten wollen. Viele Mitarbeiter sagen: "Das hab ich
mir jetzt 40 Jahre angetan, jetzt reicht es mir."
Wo die Fachkräfte knapp werden, reaktiviert man die Älteren schon jetzt oder lässt sie gar nicht erst gehen. Können Sie das bestätigen?
Herzog: Es gibt in bestimmten mittelständischen Unternehmen die Tendenz, Mitarbeiter weit über die Rentengrenze hinaus zu beschäftigen und in Teilzeit für bestimmte Projekte,
weil sie bestimmte Erfahrungen haben. Das Metallgießen z.B. ist eine hoch spezialisierte Tätigkeit. Man kann nicht wissenschaftlich exakt messen, welche Farbe das Gussmaterial haben muss, wie
flüssig es sein muss etc. Und man nur einen Versuch. Da ist es in der Vergangenheit häufig versäumt worden, junge Mitarbeiter ausreichend heranzuqualifizieren. Deshalb holen die Unternehmen die
alten Meister zurück.
Wie können Unternehmen vorausschauend darauf reagieren, dass sich das Durchschnittsalter ihrer Belegschaften verändert?
Beisner: Man muss völlig neue Aufgabendefinitionen entwickeln, damit einerseits das Wissen der Älteren nicht verloren geht und die Jungen die Möglichkeit haben, ihre Karriere zu
entwickeln.
Herzog: Wenn die Alten zu lange im Betrieb bleiben, besteht die Gefahr, dass die Jungen abwandern, weil sie keine Karrieremöglichkeiten haben. Das Problem ist umso größer, je
kleiner der Konzern ist. Die Personalmanager stehen vor dem Problem: Wie behalte ich die guten Jungen ohne die guten Altern zu verlieren?
Wie lässt sich das Problem lösen?
Beisner: Heute werden Bezahlung und Status leider ausschließlich über Führung definiert. Das muss sich ändern. Unser Rat an die Unernehmen ist: Schafft Stellen, die nicht
unmittelbar in der Hierarchie sind, die aber einen hohen Status haben und gut bezahlt sind, z.B. als Berater, Lehrer oder Trainier der Jungen. Sonst halten die Älteren entweder krampfhaft an
ihren Funktionen fest oder sie sagen, ich gehe.
Herzog: Wer älter ist, hat häufig auf das ganze Hierarchiegerangel, das ständige Profilieren und die vielen Meetings gar keine Lust mehr. Eine neue Struktur, die sie von solchen
nervigen Aufgaben entlastet, kommt ihnen sogar entgegen.







