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Icon   Sineb El Masrar: Muslim Girls

Die Gegen-Sarrazin

Kai Doering • 04. October 2010

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Gut, dass dieses Buch vom Verlag verschoben wurde. Wäre es wie ursprünglich geplant erschienen, hätte es womöglich das Sommerloch verschluckt. Doch nach Thilo Sarrazin und seiner Kampfschrift "Deutschland schafft sich ab" wird "Muslim Girls" hoffentlich große Beachtung finden. Denn die junge Deutsch-Marokkanerin Sineb El Masrar hat ein Buch geschrieben, das ­- durchaus subjektiv - über das Leben muslimischer Frauen in Deutschland aufklärt. Entstanden ist eine Art "Anti-Sarrazin".

Ohne den Ex-Bundesbanker zu nennen, arbeitet sich El Masrar an einigen seiner früheren Äußerungen ab. Die Ironie ist dabei ihre schärfste Waffe: "Das sind wir also! Diese Horde daher gelaufener Terrorismus-Sympathisantinnen. Die sich mit ihren muslimischen Männern wie die Karnickel vermehren, ein Kopftuchmädchen nach dem anderen produzieren und willenlos in der Küche des Hauses auf die Befehle ihrer Väter, Brüder und Ehemänner warten."

"vorurteilsbeladene Seifenblasen zum Platzen bringen"

Dass die "Muslim Girls" all das nicht sind, macht Sineb El Masrar in ihrem frech geschriebenen Buch schnell deutlich. Mit viel Witz und äußerst kenntnisreich widerlegt sie die gängigen Klischees über Migranten, Moslems und den Islam. Ihr Ziel ist, das in der Gesellschaft vorherrschende "Halbwissen" zu verbessern und "den einen oder anderen Nadelstich zu setzen, um die vorurteilsbeladenen Seifenblasen zum Platzen zu bringen".

Dies gelingt der Autorin ausgesprochen gut. Anschaulich erklärt sie die Unterschiede zwischen den Verschleierungen Burka, Niqab, Hidschab und Tschador ("Tausche vier Worte gegen ein Vorurteil!) und erläutert, warum die Debatte um das Kopftuch viel mehr als nur gläubige Musliminnen verschleiert: "Uns Muslim Girls ist das Stück Stoff offenbar sehr viel weniger wichtig, als der Rest der Welt denkt."

Verschleierung der wirklichen Probleme

Die wahren Probleme der mittlerweile vierten Einwanderergeneration sehen schließlich ganz anders aus: Da ist das deutsche Schulsystem, das Menschen muslimischer Herkunft systematisch ausgrenzt uns im Ausland erworbene Abschlüsse nicht anerkennt. Oder die tendenziöse Berichterstattung deutscher Medien, die den Islam stets als Bedrohung darstellten - für Sineb El Masrar als Chefredakteurin der "Gazelle", der einzigen multikulturellen Frauenzeitschrift Deutschlands, ein besonderes Anliegen.

Wer es mit der Integration ernst meint, muss genau hier ansetzen. Denn nur wer sich ernst genommen und verstanden fühlt (Stichwort doppelte Staatsbürgerschaft), kann auch eine Beziehung zu Deutschland aufbauen, so die Botschaft. Derzeit fühlten sich nur zwanzig Prozent der Muslime im Land als Deutsche schreibt El Masrar. In anderen Ländern wie Großbritannien sei das Verhältnis umgekehrt. Es muss also etwas geschehen, denn die "Muslim Girls sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen, nur die Gesellschaft hat das noch nicht verstanden".

Sineb El Masrar: Muslim Girls. Wer wir sind, wie wir leben, Eichborn 2010, 14,95 Euro, ISBN 9783821865331

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