In mehr als 70 Veranstaltungen wird an diesem Wochenende in Berlin über Möglichkeiten diskutiert, eine demokratische Öffentlichkeit zu schaffen. Den Medien käme bei diesem Prozess eine
herausragende Stellung zu. Doch wem gehören die Medien?, fragte Buchautor und Journalist Tom Schimmeck in seinem Vortrag in der
Friedrich-Ebert-Stiftung. Die deutschen Printmedien etwa seien in Händen alter Imperien zu finden, einer Hand voll Milliardäre wie Springer, Bauer, Holzbrinck,
DuMont, erklärte Schimmeck und fügte hinzu: "Gerne auch Holzmedien genannt, weil dieser Begriff bereits die Assoziation freisetzt, dass da der Wurm drin ist."
Untergangsgeschreibe statt Qualitätsjournalismus
Medien seien heute nur noch von betriebswirtschaftlicher Logik durchsetzt. "Es herrschen Resignation und Aggression, weil das Plus nicht mehr stimmt", so der ehemalige Mitbegründer der
"tageszeitung". Und weil Qualitätsjournalismus verdammt teuer ist, würde Rendite nur noch durch "Untergangsgeschreibe" erwirtschaftet. Der Diskurs werde bestimmt durch eine "Erregungskultur",
jüngstes Beispiel hierfür sei der
Fall Sarrazin. "Bild und Spiegel sorgten mit Auszügen aus dem Vorabdruck seines Buches für maximalen Lärm, dann schrieben
alle hinterher". Nachgeheizt wurde mit Gerede von Genen, Muslimen und Juden, das "weckt Empörung und Protest und steigert die Auflage". Reines Kosten-Nutzenkalkül, ist Schimmeck überzeugt.
Medienfragen sind Machtfragen. Das werde in Italien mit Berlusconi deutlich, inzwischen aber auch sichtbar in Frankreich bei Sarkozy, der von der industriellen Medienkonzentration
profitiere, denn die Besitzer "das sind alles seine Freunde". Um das Fernsehen würden aber auch in Deutschland politische Schlachten geführt. Während Besitzer von Privatsendern "nur null Sekunden
an ihre gesellschaftliche Verantwortung denken", würden auch die öffentlich-rechtlichen Sender ihrem Anspruch, potentiell demokratische Medien zu sein, nicht mehr gerecht. Schimmeck: "Kritische
Sendungen werden im Nachtprogramm und bei Arte versteckt."
Zornige Journalisten wünschenswert
Aber auch mit der Haltung des Einzelnen ging Schimmeck ins Gericht. "Journalisten kümmern sich um alles, nur nicht um wichtige Nachrichten". Wirtschaftsjournalisten mutierten zu
"marktfundalistischen Sekten", "rausgehen und recherchieren sei nicht mehr üblich". Für Schimmeck "brandgefährliche Tendenzen", die den Rechten mit ihren simplen Formeln in die Hände spielen.
Kann man Medien dem Markt überlassen? Und was, wenn der Markt versagt? Soll es "Staatsknete für Zeitungen" geben? Mehr Stiftungen für Journalisten?
Schimmeck ist überzeugt, dass die Gesellschaft die Medieninhaber in die Pflicht nehmen muss. Außerdem "brauchen die Öffentlich-Rechtlichen eine Renaissance. Dem Erstickungstod von Anstalten
wie etwa dem hessischen Rundfunk müssen wir entgegentreten, die Entleerung der Hauptkanäle verhindern", so Schimmeck. "Wir brauchen auch lebendige und zornige Journalisten. Gefördert über
Stiftungen und Vereine. Denn viele werden über lebenslange Praktika gebrochen und durch den Druck des Marktes." Seiner Meinung nach sei die "feinere Mittelschicht" unter den Journalisten deutlich
überrepräsentiert und mit ihr eine bestimmte Wahrnehmung und Lebenswirklichkeit, weshalb es Themen wie der Mindestlohn so schwer hätten. Und wir müssten "größere Internetprojekte wagen, Magazine,
Portale und Foren aufbauen, die echte Öffentlichkeit schaffen" und Wege finden, dass sie Erfolg haben und sich tragen. "Wir müssen", betonte Schimmeck. Denn "ohne Öffentlichkeit gibt es keine
Demokratie - und die gehört uns."
Der Kongress "Öffentlichkeit und Demokratie" findet statt vom 1. bis 3. Oktober in Berlin. Veranstaltungsorte sind die Friedrich-Ebert-Stiftung und das Wissenschaftszentrum Berlin. Mehr Informationen unter www.oeffentlichkeit-und-demokratie.de







