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Was bleibt von der DDR?

Uwe-Karsten Heye • 01. October 2010

Die Mauer zum Einsturz gebracht. Foto: Pixelio/Thomas Nestke
Die Mauer zum Einsturz gebracht. Foto: Pixelio/Thomas Nestke

Das war er, der 3. Oktober 2010, der nationale Feiertag der Deutschen. Vor 20 Jahren wurde er im Einigungsvertrag zwischen der Bundesrepublik und der DDR festgelegt. Punkt Mitternacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990 wurde erstmals vor dem Reichstag in Berlin die Fahne der Einheit gehisst. Damit waren 41 Jahre DDR-Geschichte beendet. Und wenn wir nicht aufpassen, könnten auch sonst alle Hinweise auf die einstige DDR fast spurlos verschwinden. Allein die "Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik" arbeitet sich an der DDR noch ab.

Bildungsfähigkeit - unabhängig von der Herkunft
Nur die "Stasi" wird ewig leben, als Chiffre längst nicht nur für das ehemalige Ministerium für Staatssicherheit. Wie ein großes schwarzes Loch schluckt sie dabei alles, was sich auch positiv mit der DDR verbinden ließe und zieht wie in einem gigantischen Mahlstrom alles herunter, was das Arbeiter- und Bauernparadies auch sein wollte: der erste sozialistische Staat auf deutschem Boden. Und dazu gehörte unter anderem ein Bildungssystem, das jedem Schüler, jeder Schülerin selbstverständlich Bildungsfähigkeit zuerkannte - unabhängig von der Herkunft.

Wie weit sind wir im vereinten Deutschland davon entfernt. Die DDR hatte übrigens auch ein in Teilen fortschrittliches Familienrecht. Als im Westen Ehefrauen ohne Zustimmung des Gatten noch keine Bankkredite aufnehmen konnten, galten in der DDR bereits gleiche Rechte für beide Geschlechter. Bei genauerem Hinsehen hätte es durchaus das ein oder andere geben können, was die zum Anschluss bereite DDR zum gesellschaftlichen Fortschritt des vereinten Deutschlands hätte beisteuern können.

Dieses Defizit wurde zum Geburtsfehler des Einigungsvertrages
Es trägt mit dazu bei, dass mancher im Westen sich die Mauer zurück wünscht und die DDR-Bürger pauschal als Kostgänger ansieht. Und im Osten trägt dieses Missverhältnis zu jenem Mangel an Selbstbewusstsein bei, der sich wie Mehltau auf das deutsch-deutsche Binnenverhältnis legt.

Wenn ich mir mein Glücksgefühl vergegenwärtige, das mich angesichts des herannahenden Stroms von Menschen erfasste, die in der Nacht zum 9. November 1989 den Übergang zwischen Ost- und West-Berlin querten, an dem ich als Reporter des ZDF stand, dann auch, um denen Dank zuzurufen, die diese historische Wendung mit ermöglicht haben. Der Weg zur Vereinigung war gepflastert mit Verträgen, dem von Moskau, August 1970, Warschau, Dezember 1970, dem Vier-Mächte-Abkommen über Berlin 1971, dem Transitabkommen im gleichen Jahr und ein Jahr danach dem Grundlagenvertrag mit der DDR. Und wer erinnert ihn nicht, den Kniefall vor dem Denkmal der Helden des Aufstandes im Warschauer Ghetto. Er war es vor allem, der die Last der deutschen Geschichte geschultert hat. Willy Brandt.

Die Teilung ist noch nicht überwunden
"Es wächst zusammen, was zusammengehört", so seine große Hoffnung. Warum nur fällt das Zusammenwachsen so schwer? Sicher auch, weil viele Menschen mit DDR-Sozialisation nicht auf den Spitzelstaat DDR reduziert werden wollen. Und es gibt nach wie vor wenig Vermischungen im Privaten - wenig Berührungen, wenige Ehen. Wessis ziehen nicht gern in den Osten, Ausnahmen bestätigen die Regel. Dafür sind die Ostdeutschen seit der Wende in Scharen den Jobs und der besseren Entlohnung hinterhergezogen - und man kann davon ausgehen, dass der Thüringer in Schwaben weniger Probleme mit der Einheit hat als viele seiner daheimgebliebenen ehemaligen Nachbarn. Die Wessis können die Zeugnisse gemeinsamer Geschichte zwischen Dresden, Wittenberg und Eisleben besuchen und die wieder erstandenen historischen Innenstädte durchwandern. Aber ein Drittel der Wessis war noch nie in den ostdeutschen Ländern.

Die jungen Leute, die heute im Studium stehen, ihre Karrieren planen, ins Leben starten: Sie selbst haben die DDR nicht erlebt. Alle Jahre wieder zum 3. Oktober werden sie daran erinnert, dass es einmal zwei deutsche Staaten gegeben hat. Damals. Die Teilung ist noch nicht überwunden, aber für die junge Generation ist sie bereits Geschichte.

Von all dem möchte ich in den 20-jährigen Erinnerungsfeiern hören. Ich wünsche mir, dass die parteipolitische Elle weggelegt wird und diejenigen im Mittelpunkt der Einigungsfeiern stehen, die mit großem persönlichen Mut die Mauer zum Einsturz brachten und die Eisentore zu den Stasi-Zentralen eindrückten. Ihre Hoffnung auf einen freiheitlichen demokratischen Sozialismus, auf einen dritten Weg also, sie wurde schnellfadenscheinig angesichts dessen, was da als Glitzerding Bundesrepublik zu winken schien. Auch diese Menschen gehören zu der wenig anerkannten Hinterlassenschaft der DDR. Auch ihre Hoffnungen beleben sich wieder, angesichts der krisenhaften Entwicklung eines ungebändigten Kapitalismus.



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