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Sein Flugblatt gab den Startschuss

Frank Blenz • 30. September 2010

flickr.com/photos/devnull/2438822157
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September 1989: Jörg Schneider, ein 21-Jähriger Bürger der Stadt Plauen in Sachsen, entschließt sich zu einem für ihn sehr, sehr gewagten Schritt. "Ich schreibe ein Flugblatt." Ihm, dem zurückhaltenden, ruhigen sachlichen Jörg Schneider, schnürt es schon länger den Atem zu vor Wut. Das aufgestaute Unverständnis sammelt sich über die Ungerechtigkeit, die Willkür in seiner Heimat DDR, die dauernden Lügen, die als Wahrheiten verkauft werden, die Arroganz und Ignoranz der Führenden im Land. So kann es nicht weitergehen, denkt Schneider leise und bestimmt, man muss einfach den Arsch in der Hose haben, sich aufzulehnen.

Zwei seiner Arbeitskollegen weiht der junge Plauener ein. Der Werkzeugmacher borgt sich eine Reiseschreibmaschine. Er beginnt einen Aufruf zu formulieren. "Kommt zur Demonstration am 7. Oktober!" Viel Text sollte auf die Seite, doch Jörg Schneider muss kürzen, straffer argumentieren. Er schreibt alle Argumente auf, es kann so nicht weiter gehen. Mit Geduld, viel Papier und Kohlepapier für die Kopien produziert er in seinem Zimmer, er wohnt zu Hause bei den Eltern, an die 200 Flugblätter. Immer vier, fünf Durchschläge kann er hinter dem Original in die Schreibmaschine spannen. Das Gerät versteckt einer seiner Arbeitskollegen nach der gefährlichen Aktion bei sich zu Hause.

Rückblick (I): Jörg Schneider wuchs typisch für die DDR auf. Daheim ging es systemangepasst zu, der Vater war ein strammer Parteigenosse. In der Salvador-Allende-Schule lernte er bis zum Abschluss der 10. Klasse. Die Schule war in der Stadt berüchtigt. Dort agierten politisch übereifrige Lehrer, den Kindern wurde ein großes Maß an Agitation, reichlich Wehrerziehung und vormilitärische Ausbildung zuteil. Nach dem Schulabschluss begann der junge Plauener seine Lehre. Zum Werkzeugmacher beim Plauener Spezialbetrieb namens Elgawa, einem Unternehmen, welches Fotoblitzgeräte samt Werkzeuge dafür herstellte. Im Betrieb erfuhr Schneider nach und nach, wie die DDR funktioniert oder eben auch nicht. "Der Plan für die Produktion wurde öfters geschönt und galt auch als erfüllt, obwohl wir die Vorgaben nicht schaffen konnten." Materialengpässe und Lieferschwierigkeiten waren nur einige der Gründe, die stets verschwiegen wurden und doch im Tagesgeschäft unter den Kollegen bekannt. Sie mussten schließlich aus den Defiziten das Beste herausholen.

Ende September 1989: An die 200 Flugblätter versteckt Jörg Schneider daheim in seinem Zimmer bis Anfang Oktober. Sein Plan besagt, wenn am 7. Oktober in der Stadt ein Volksfest zum 40. Jahrestag ausgetragen wird, sind ja eh viele Menschen vor Ort. Die müssten mit dem Flugblatt mobilisiert werden. Es wird Oktober. Am Abend des 2. Oktober gibt er zwei seiner Arbeitskollegen je einen Pack Flugblätter, selbst schnappt er sich einen großen Haufen, er trägt sie am Körper, hat reichlich Reißzwecken dabei und beginnt die Verteilungstour.

Schneider, nicht sehr groß und unauffällig vom Typ, wandert vom Stadtteil Haselbrunn im Plauener Norden aus durch seine Heimatstadt. Er pinnt ruhig sein Blatt in Hauseingänge. Er hinterlegt es wie beiläufig in Telefonzellen und in Haltestellen der Straßenbahn. Mitten in der Nacht zweckt er sein letztes Blatt auf den Boden der Streichhölzerbrücke, eine Holzbrücke, ein Fußgängersteg, der über den Fluss "Weiße Elster" führt. "Damit die Leute, die früh auf Arbeit gehen, einen Blick darauf werfen", denkt er sich treffend.

Rückblick (II): Schneider lernte aus und wurde zum Grundwehrdienst zu den Grenztruppen eingezogen. "Ich kam in den Harz in die Nähe des Ortes Elend, mir war dort tatsächlich elend zumute." Der junge Plauener erlebte einen schlimmen Militaristengeist seiner Vorgesetzten, erlitt Erniedrigung und sah eine über die Maßen teure, beinah perfekte Staatsgrenzenabsicherung mit Kontaktdrähten, Flutlicht, Hunden und Niemandsland. Nach 18 Monaten kehrte er nach Plauen zurück in seinen Betrieb Elgawa.

Der 3. Oktober 1989: Jörg Schneider, der einen Abend zuvor weit über hundert seiner Flugblätter seelenruhig in seiner Heimatstadt verteilt hat (seine beiden Mithelfer den anderen Teil), geht auf Arbeit in die Elgawa in der Lindenstraße. "Haste schon gehört, die haben zu einer Demonstration aufgerufen, am Samstag geht´s los", rufen ihm Kollegen entgegen. Der Aufruf ist in aller Munde. In der ganzen Stadt. Beim Frisör, in der Straßenbahn, in den Betrieben, in den Familien, Schulen und auch im Rathaus und den "staatlichen Organen" rumort es. Schneider ist baff. Er hat es geschafft! Sich auflehnen, sich nicht mehr gefallen lassen, dass andere für ihn denken, entscheiden, machen, was sie wollen. Gegen das System hat er etwas unternommen.

Rückblick (III):
Die Elgawa. Schneiders Arbeitsort. Schneiders Ort der Diskussion, der Lebensschule, der Freundschaft. "Hier habe ich viel gelernt über das Land, über das Denken und Hoffen der Menschen. Wir haben in unserem Kollektiv viel diskutiert in den Pausen. Und wir haben begonnen, uns gegen dieses System der Verlogenheit aufzulehnen." So schrieben sie Eingaben an den Rat der Stadt gegen Umweltverschmutzung; Schneider verfasste bald handgeschrieben eine satirisch-kritische Betriebszeitung "Der Werkstattkurier". Sie trugen Gorbi-Sticker mit dem Gesicht des fortschrittlichen Sowjetführers Gorbatschow. "Es war eine kleine revolutionäre Zelle, der ich mein Wissen, meine Zuversicht und Kraft verdanke."

Der 7. Oktober 1989: Früher Samstagnachmittag. Jörg Schneider wandert vom Norden der Stadt kommend ins Zentrum. Schon von der oberen Bahnhofstraße aus sieht er: Der ganze Postplatz am Tunnel (damals Otto-Grotewohl-Platz nach dem ersten und einzigen Ministerpräsidenten der DDR benannt) ist schwarz vor Menschen. Schneider ist aufgeregt. Froh. Stolz. Die Leute sind nicht wegen "40 Jahre DDR" zum Feiern gekommen. Bald ist er mittendrin. Offizierschüler wollen sich dagegen stellen. Ein Feuerwehrauto ist zum Wasserwerfer umfunktioniert. Ein Kampfhubschrauber macht die Menge wütend. Der fliegt tief. Bedrohlich tief.

Tausende Menschen laufen die Straße zum neuen Rathaus hinauf. Dort drin haben sich der Bürgermeister und andere Würdenträger der Stadt und des Kreises verschanzt. Da: Jörg Schneider hört wie die anderen den ersten Sprecher aus der noch ängstlichen Masse: Ein kleiner Junge ruft schlicht "Gorbi". Was ein kleiner Bengel kann, können wir Großen auch - denken sich die Bürger und das Rufen und lautstarke Protestieren beginnt.

Rückblick (IV): Jörg Schneider lernte von seinen Kollegen viel. Vor allem vertraute er zusehends darauf, dass man mutig sein muss, wenn man für Gerechtigkeit eintreten will. Schon im Juni versuchte der Plauener einen "Testballon" eines Flugblattes zu starten. Ein Dutzend kleine Kärtchen mit dem Aufruf zu einem Schweigemarsch verteilte er im Stadtzentrum; im Warenhaus, an der Johanniskirche. Noch beobachtete er keine Reaktion beim Buschfunk.

Nachdem das Rathaus abgesichert und einige Reden gehalten sind, bewegen sich mehr als 15.000 Menschen und Jörg Schneider die Bahnhofstraße hinauf zu der später in der Region berühmt gewordenen Demo-Runde bis hin zur Friedensstraße. An diesem Tag werden auch einige Menschen festgenommen. Schneider nicht. Er ist erkrankt und geht ins Bett. Sein Glück. Mit Grippe liegt er einige Tage im Bett. Jörg Schneider ist froh, denn das Rad der Geschichte dreht sich plötzlich nach all den Jahren des Stillstandes.



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