Zwangsarbeit war von Anfang an zentraler Bestandteil der auf der Rasselehre basierenden, hierarchisch gegliederten nationalsozialistischen Gesellschaftsordnung. "Arbeit adelt" - das galt für
den Arier, der seinen "Ehrendienst der deutschen Jugend" im 1935 eingeführten "Reichsarbeitsdienst" versah. "Erziehung durch Arbeit" sollte dagegen den Widerstandswillen der politischen Gegner
brechen; der Begriff wurde bald zur zynischen Umschreibung für die Ausbeutung der KZ-Häftlinge, zunächst in den Emslandlagern und den SS-eigenen Steinbrüchen und Ziegeleien. Juden gehörten nicht
zu der als Blutsgemeinschaft verstandenen arischen Volksgemeinschaft. Sie galten deshalb als "minderwertig" und "arbeitsscheu", wurden öffentlich angeprangert, entrechtet, ausgestoßen und
schließlich ausgemerzt: "weil der Jude die größte Gefahr für das deutsche Blut darstellt und... wie die Pest zu meiden ist", so die Gelsenkirchener Nationalzeitung" am 6. August 1935.
Bis Kriegsbeginn wurden die propagandistischen Mittel erprobt und die rechtlichen Grundlagen für die dann im besetzten Europa verwirklichte strikte und brutale Trennung von "Herrenmenschen"
und "Arbeitsvölkern" und die spätere Radikalisierung der Zwangsarbeit bis hin zur Vernichtung durch Arbeit geschaffen. Dem Einmarsch der Wehrmacht folgten die deutschen Arbeitsämter zwecks
sofortiger Erfassung der Arbeitskräfte, und dann die Vertreter der deutschen Firmen.
"Schippen und Steineklopfen...dafür ist der Russe da"
Daimler-Benz etwa unterhielt in Minsk einen Reparaturbetrieb mit 5000 Beschäftigten. Millionen Menschen wurden systematisch in Viehwaggons für den "Reichseinsatz" verschleppt, um die Lücken
zu füllen, die durch Einberufungen zur Wehrmacht entstanden waren. Unter den mehr als drei Millionen auf offenem Feld vegetierenden sowjetischen Kriegsgefangenen, die zunächst nicht zur Arbeit
herangezogen wurden, weil sie als Gefahr für das Reich galten, forderten Hunger, Krankheiten und Massenerschießungen bis Anfang 1942 zwei Millionen Opfer. Als der Kriegsverlauf im Osten jedoch
ins Stocken geriet, gab Hitler - auf Drängen des Ruhrbergbaus - den Weg zum Einsatz sowjetischer Kriegsgefangener und Zivilarbeiter im Reichsgebiet frei.
Görings Ausführungsbestimmungen zum "Russeneinsatz" vom 7.11.1941 stellten dazu unmissverständlich fest: "Die deutschen Facharbeiter gehören in die Rüstung; Schippen und Steineklopfen...dafür ist der Russe da." Was auch zur Folge hatte, dass schwere und schmutzige Arbeiten kaum noch von deutschen Arbeitern verrichtet wurden: "Die soziale Stufenleiter in den Betrieben wurde künstlich...nach unten verlängert...Gerade dieser Wandel in der Sozialstruktur hat dem Nationalsozialismus auch in der Arbeiterschaft eine breite Basis verschafft, an der sich bis zum Kriegsende nur wenig änderte."
Ein Massenphänomen, dem jeder Deutsche im Alltag begegnet ist
Die im Reich eingesetzten Zwangsarbeiter wurden streng voneinander getrennt, ständig überwacht und waren mit drakonischen Strafen bedroht. Gemäß der rassistischen Hierarchie wurden die
sowjetischen und polnischen Arbeitskräfte am schlechtesten behandelt. Hunderttausende wurden wegen geringer Verstöße in Arbeitserziehungs- und Konzentrationslager eingewiesen; Zehntausende ohne
Urteil hingerichtet oder zum Tode verurteilt.
Zwangsarbeiterlager befanden sich überall, noch in den kleinsten Ortschaften. Sie gehörten zum Alltag der deutschen Bevölkerung. Gegen Ende des Krieges stellten die Zwangsarbeiter fast die
Hälfte der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft, ein Drittel in der Rüstungsindustrie und in der Bauwirtschaft sowie ein Viertel im Bergbau. Auch im Handwerk, in öffentlichen Verwaltungen und
kirchlichen Einrichtungen wurden sie eingesetzt. Private Haushalte beschäftigten rund 200000 sowjetische Dienstmädchen.
In den letzten Kriegswochen wurden zahlreiche ausländische Zivilarbeiter Opfer von Massakern. Unterschiedlich gestaltete sich ihre Lage nach der Befreiung. Viele wurden durch die Alliierten
in ihre Heimatländer repatriiert; schwieriger war die Situation der ehemaligen sowjetischen Zwangsarbeiter, die bei ihrer Rückkehr unter dem Generalverdacht der Kollaboration standen.
Anerkennung des Unrechts
Lang war der Weg zur Anerkennung des Unrechts. Denn Zwangsarbeit galt vielfach nicht als entschädigungswürdig. Und ehemalige Zwangsarbeiter, die ihren Wohnsitz außerhalb Deutschlands
hatten, also fast alle, waren weder in der Bundesrepublik noch in der DDR entschädigungsberechtigt. Lokale Initiativen begannen in den 1970er Jahren, an die Geschichte der Zwangsarbeiter zu
erinnern. Staat und Wirtschaft einigten sich in einem mühseligen Prozess darauf, im Jahre 2000 die
Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" zu gründen, um die Überlebenden symbolisch zu entschädigen. Das Auszahlungsprogramm wurde im
Jahr 2007 abgeschlossen. Die Ausstellung, der man die öffentliche Resonanz wünschen möchte, die einst die Wehrmachtsausstellung gefunden hat, wurde von der Stiftung gefördert.
Die als Wanderausstellung konzipierte Ausstellung "Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg" ist vom 28. September 2010 bis zum 30. Januar 2011 im Jüdischen Museum in Berlin zu sehen. Gezeigt werden rund 450 Fotos und über 500 Dokumente, außerdem historische Fotografien und ganze Fotoserien. An insgesamt 39 Screens und 32 Hörstationen mit 38 Zeitzeugenberichten kann man sich über Einzelschicksale informieren.
Eine Ausstellung der Stiftung
Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora im
Jüdischen Museum Berlin, initiiert und gefördert von der Stiftung
Erinnerung, Verantwortung und Zukunft.
Auf Deutsch und auf Englisch ist ein ausgezeichneter Begleitband erschienen. Er dokumentiert die Ausstellung und enthält zahlreiche Fotos und Dokumente, außerdem sechs zusammenfassende
Essays:
"Zwangsarbeit, Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg",
hrsg. von Volkhard Knigge, Rikola-Gunnar Lüttgenau und Jens-Christian Wagner im Auftrag der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Weimar: 2010, 251 Seiten, 19,80 Euro







