"Ich malte mir aus, was passiert wäre, wenn Marcus Antonius, nachdem er Cassius besiegt hatte, von einer Wespe in den Fuß gestochen worden wäre, so dass er nicht rechtzeitig dem Octavian hätte zu Hilfe eilen können und dieser daraufhin von Brutus besiegt worden wäre. Hätte die Wespe wohl Eingang in unser Geschichtsbuch gefunden?"
"Was wäre, wenn?" - diese Frage steht hinter Johano Strassers "subversiven Geschichten". Mit diesem ganz besonderen Blick widmet er sich den verschiedenen geschichtlichen Epochen, von der Genesis bis zum Fall der Mauer und schreibt Geschichte wie sie hätte geschehen können, wenn…
Der entscheidende Augenblick
Vor einer großen Schlacht ist der entscheidende Augenblick jener des Angriffs. So überlegte der große Napoleon sich der bevorstehenden Schlacht von Austerlitz nicht zu stellen - zu ungünstig erschienen ihm die Voraussetzungen. Doch er hatte die Rechnung ohne seinen Stallburschen gemacht. Der Pferdenarr wettete mit dem österreichischen Stallburschen, dass Napoleon nicht einmal in der Lage sei, sein eigenes Lieblingspferd von dem des österreichischen Befehlshabers zu unterscheiden. Am Tag des Abzugs der französischen Truppen bestieg also Napoleon tatsächlich "sein" Lieblingspferd, ohne zu merken, dass es die von ihm ins Ohr geflüsterten französischen Liebkosungen nicht verstand.
So geschah es, dass "sein Pferd plötzlich die Nüstern blähte, sich auf die Hinterhand stellte, ein lautes Wiehern ertönen ließ und dann mit weiten Sätzen den Hang hinunter auf das feindliche Lager zu galoppierte" Der Rest ist bekannt. Napoleon wurde als genialer Feldheer gefeiert, der Sieg seinem tapferen und kaltblütigen Wesen zugeschrieben. Und der Stallbursche, der all dies verschuldete? Kein Wort über ihn ging in die Geschichte ein.
Kairos
Es geht also immer um den richtigen Moment. Prof. Sabrow erklärte seine Faszination für Strassers "subversive Geschichten" gerade am Beispiel von Kairos, dem günstigen Zeitpunkt einer Entscheidung, dessen ungenutztes Verstreichen nachteilig gewesen wäre. Hätte Napoleon bemerkt, dass er nicht auf seinem Lieblingspferd sitzt, so hätte die Schlacht von Austerlitz nicht stattgefunden; einmal davon abgesehen, dass die Historie dieser Schlacht eine ganz andere gewesen sei.
Johano Strasser spielt mit Überlieferung und Dichtkunst. Ungefragt mischen sich seine Figuren in überlieferte Staatsaktionen ein und rücken bekannte Fakten in ein neues Licht. Was stimmt mit der Historie überein, was ist erfunden? Das herauszufinden, war während der Buchlesung Prof. Sabrows Aufgabe. Sehr amüsant spielten die beiden einander die Worte zu. Geradezu begeistert verlangte das Publikum eine Geschichte nach der anderen - so groß war das Interesse an Kolumbus und Hannibal, dem Gang Heinrich des IV. nach Canossa oder der Gruppe "Loblied" und ihrem Dazutun zum Fall der Mauer.
Johano Strasser: "Kolumbus kam nur bis Hannibal: Vierzehn subversive Geschichten", Diederichs Verlag 2010, München, 160 Seiten, 16,96 Euro, ISBN: 978-3-424-35043-2







