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Icon   Tom Schimmeck: „Am besten nichts Neues.“

„Breitarschiger Mitmachjournalismus“

Mathias Ostertag • 19. September 2010

„Wir trauen uns nicht mehr, uns gegenseitig zu kritisieren.“; Foto: © Westend Verlag
„Wir trauen uns nicht mehr, uns gegenseitig zu kritisieren.“; Foto: © Westend Verlag

Tom Schimmecks Kritik ist heftig: Journalismus, so der Buchautor, hangele sich oftmals nur noch von Aufreger zu Aufreger und veranstalte brotlose Spiele, die eine zerstörerische Wirkung entfalten können. "Die Episode um Angela Merkel und ihren Professor Kirchhof im Wahlkampf 2005 ist der Bankrott dessen, was in besseren Zeiten politischer Journalismus war", erklärt er. "Die Meinungsmache von Diekmann, Aust und Steingart war nichts anderes als breitarschiger Mitmachjournalismus."

"Ist das gut, was hier passiert?"
Laut Schimmeck, der für verschiedene Medien publiziert, habe der politische Journalismus seinen Niedergang zwischen 2003 und 2004 eingeläutet, im Wahlkampf 2005 dann seine völlige Glaubwürdigkeit verloren. "Es gab zu wenige, die gefragt haben: wem nutzt das? Ist das gut, was hier passiert?" Die Hauptstadtjournalisten haben sich meinungspolitisch in seltener Eintracht und Harmonie, von Bild über FAZ bis Spiegel und Zeit, präsentiert. Schimmeck: "Es gibt heute kaum noch eine Analyse dessen, was hinter einer Meldung steckt."

Journalist Harald Schumann ( Der Tagesspiegel) sieht einen der Gründe der zunehmenden mangelhaften Berichterstattung vor allem in den schlechten Arbeitsbedingungen: "Viele haben einfach viel zu wenig Zeit, um gut zu recherchieren." Nachrichten müssten immer schneller transportiert werden, die Aktualität von Nachrichten entscheidet über Klickzahlen. Es gebe zwar auch heute noch genügend Journalisten, die ausreichend Zeit hätten, um umfassend zu recherchieren, sie "tun es aber trotzdem nicht." Auch werde die Berichterstattung anderer Journalisten nur noch notdürftig kritisch beäugt: "Wir trauen uns nicht mehr, uns gegenseitig zu kritisieren."

"Warum gibt es dieses Publikum?"
Auch im Fernsehen dominiere inzwischen die nachrichtentechnische Unterversorgung. "Es gibt inzwischen so viel Trash im Fernsehen - und viele Menschen, die diesen kaufen", sagt der ZDF-Journalist Dr. Wulf Schmiese. "Die Frage ist: warum gibt es dieses Publikum? Haben wir als Journalisten uns auf dieses flache Niveau begeben?". Gerade auf den privaten Sendern regiere die Niveauarmut, Reality-Shows hätten dort die Nachrichten völlig an den Rand gedrängt. Tom Schimmeck dazu: "Selbst bei den Öffentlich-Rechtlichen ist die Massenversorgung mit fundierten Inhalten verlagert worden auf die Spartenkanäle. Es geht nur noch um Zerstreuung und Bespaßung."


Tom Schimmeck: "Am besten nichts Neues - Medien, Macht und Meinungsmache". Westend, 304 Seiten, Euro 17,95. ISBN: 978-3938060506

Der gebürtige Hamburger Tom Schimmeck ist Autor und Journalist für diverse Zeitungen, Zeitschriften und Rundfunk. Er ist einer der Mitbegründer der Tageszeitung (taz) und erhielt bereits zahlreiche journalistische Auszeichnungen, zuletzt für das Feature "Spin".
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