Im Zentrum des Zusammentreffens um Kirsten Heisig stand ihr im Sommer erschienenes Buch "Das Ende der Geduld. Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter". Darin beschreibt sie immer brutalere Gewalt, überforderte Eltern und Integrationsprobleme.
Wer war Kirsten Heisig?
Neuköllns Bürgermeister, Heinz Buschkowsky, charakterisierte die Richterin als lebenslustige und lebensbejahende Frau, aber auch als unbequeme Weggefährtin, die in ihrem Beruf oft aneckte. Heisig habe sich sehr für eine schnellere und effektivere Bekämpfung der Jugendkriminalität engagiert. Sie führte das Neuköllner Modell ein, das mittlerweile für ganz Berlin Bestand hat: Jugendliche Straftäter werden schnell nach der begangenen Tat verurteilt, junge Gewalttäter müssen mit Gefängnis rechnen und nicht, wie zuvor, mit Bewährungsstrafen.
Heisig ging ungewohnte Wege, sie ließ sich bewusst ins Neuköllner Rollbergviertel versetzen, suchte den Kontakt mit den Menschen, vor allem zu den Eltern der Jugendlichen in ihrem Kiez. Sie tat viel über ihren Beruf hinaus, lobte Oberstaatsanwalt Andreas Behm ihre Arbeitsmoral. "Wenn jeder nur seinen Job macht, dann macht er keinen guten Job."
Politisch inkorrekt
Die Schriftstellerin Monika Maron kannte Kirsten Heisig von den Treffen, die sie mitorganisiert, um über Islam und Migration zu diskutieren. Sie erinnerte an ihre erste Begegnung mit der Richterin: Heisig habe sich vor die Menschen gestellt und in einer Weise über ihre Arbeit, über Täter und Opfer, gesprochen, die viele Bekannte schockierte. Dabei habe sie lediglich die Realität widergegeben.
Der Jungschauspieler Hüseyin Ekici, der selbst in schon als Straftäter vor der Richterin stand, bezeichnete sie als "sehr direkte Frau", die ihm Respekt einflößte. Günter Räke, Jugendrichter und Mitarbeiter Heisigs, zeigte sich bei der Diskussion skeptisch. Seit Jahren rede man über das Problem der Jugendkriminalität und nichts geschehe. "Kirsten hat besonders viel bewegt, aber das Problem besteht fort."
Auch Buschkowsky fühlt sich trotz des Engagements vieler Menschen im Kiez von der Bundespolitik alleingelassen. Er verwies auf die vielen Veranstaltungen gegen Gewalt, auf Gutachten, die erstellt wurden um auf das Problem aufmerksam zu machen. Doch es gebe "keinen durchgreifenden politischen Erfolg". So fühle er sich als Mitglied der SPD oft als "Nestbeschmutzer". Es gebe "keine einheitliche Sicht auf die Dinge", die Themen könnten "nicht aggressionsfrei" besprochen werden. Kirsten Heisig sei Teil seiner Politik gewesen, sie habe ihm die nötigen Fakten präsentiert.
Zukunftsvisionen
Die Podiumsdiskussion kam nicht so richtig in Gang. Schließlich waren alle Anwesenden sich einig: Ziel sollte es sein, an einem Strang zu ziehen. Politik und Gesellschaft stünden in der Verantwortung, sich dem Problem, dass nicht nur in Neukölln besteht, zu stellen. Monika Maron sprach von einem "anschwellenden Problem", dass, wenn nichts geändert wird, nicht mehr zu bewältigen sei. So machte sich schon fast Resignation breit, als Buschkowsky von der "Politik by Helikopter" sprach: "… abheben, Staub aufwirbeln, wenn er abhebt, geht es weiter wie bisher".
Behm versuchte dem Ganzen einen positiven Aspekt abzugewinnen. Nach einem kleinen Ausflug in die Kriminalitätsstatistik von Berlin, die er im Vergleich zur gesamten Bundesrepublik nicht unbedingt als negativ bewertet, fasst er zusammen:"Kriminalität wird es immer geben", aber die Hoffnung ist, dass der Anstoß von Kirsten Heisig und Günter Räke Programm wird. Entnervt die Reaktion von Räke: Er sei müde von den Zahlen, die belegen dass es diese gar nicht gebe.
Was bleibt also von Kirsten Heisig? In ihrem Buch schreibt sie: "Wir müssen uns gemeinsam Gedanken darüber machen, wie es in dieser Gesellschaft weitergehen soll. Und wir müssen handeln. Jetzt."
Kirsten Heisig: "Das Ende der Geduld: Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter" Verlag Herder GmbH, Berlin, 2010, 205 Seiten, 14,95 Euro, ISBN 978-3-451-30204-6







