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Das Gesicht Deutschlands

Birgit Güll • 16. September 2010

Foto: Birgit Güll
Liselotte Strelow hat die Prominenz der deutschen Nachkriegszeit fotografiert. Das Berliner Willy-Brandt-Haus zeigt mehr als 200 Originalabzüge. Foto: Birgit Güll

Ein einzigartiges Licht

Liselotte Strelow hatte das Who-is-Who der deutschen Nachkriegsgesellschaft vor ihrer Linse: Kurt Schumacher, Ingeborg Bachmann und Erwin Piscator, Helene Weigel, Martin Buber und Gustaf Gründgens, um nur einige zu nennen. Ihre Künstler- und Politikerporträts sind Teil des kollektiven Bildgedächtnisses der Deutschen.

Auf zwei Etagen machen mehr als 200 Originalabzüge ihrer Fotografien deutlich, was Kurator Klaus Honnef meint, wenn er in seiner Eröffnungsrede sagt: "Jedes Bild ist ein Beispiel für Lichtregie". Denn es ist die außergewöhnliche Beleuchtung, die auffällt. Auf jedem Bild eine andere, rückt sie jede porträtierte Person in ein einzigartiges Licht.

Da ist Marlene Dietrich, unter einem großen, weißen Hut. Sein Schatten umrahmt das Gesicht der Schauspielerin. Gustaf Gründgens Gesicht ist hell erleuchtet, während der Rest des Bildes im Dunkeln liegt. Auf das Profil von Theodor Heuss scheint nur von vorne Licht, von hinten fällt ein Schatten auf den ersten Bundespräsidenten. Das Porträtfoto diente als Vorlage für die Heuss-Briefmarke: "Porträt, wie ich es verstehe, heißt: in einem Bilde so viele von den hundert verschiedenen Charakterzügen, Wesenszügen eines Menschen zu sammeln wie möglich", so Strelow.

Die sehenswerte Ausstellung zeigt wie Liselotte Strelow Gesichter gesehen hat: "In erster Linie interessiert mich am Porträt der Gesichtsausdruck, ... Ich finde subjektive Porträts interessanter als objektive." So inszeniert sie Persönlichkeiten, wirft ihren Blick auf sie. Strelow bereichert die Fotografie um eindringliche Bilder. Die Retrospektive widmet sich diesen Porträts ebenso wie ihren Theaterfotografien. Und sie versucht, einen Einblick in die Werkstatt der Lichtkünstlerin zu geben.

Eine hässliche Kontinuität

Die 1908 geborene Strelow macht sich bereits im Berlin der 1930er Jahre einen Namen. In Berlin absolviert sie Fotografiekurse am renommierten Lette-Verein. Danach macht sie eine dreijährige Ausbildung bei Kodak, wo sie alle Tricks der Beleuchtung lernt, wie Klaus Honnef erläutert. Als die jüdische Fotografin Suse Byk, in deren Atelier Strelow gearbeitet hatte, vor dem NS-Regime fliehen muss, übernimmt sie das Studio im Zuge der "Arisierung". Strelow bleibt in Berlin, residiert am noblen Kurfürstendamm. Einen Großauftrag der Nazis lehnte sie, laut Honnef, ab.

Im Nachkriegsdeutschland - zunächst in Detmold, später in Düsseldorf - fotografiert Liselotte Strelow alles was Rang und Namen hat: Künstler, Intellektuelle, Politiker. So kommt es, dass in der Werkschau Opfer neben Tätern und Mitläufern des NS-Regimes hängen. "Die ganze Gesellschaft war kontaminiert", sagt Honnef.

Deutschland macht nur wenigen Nazi-Verbrechern den Prozess, schnell werden die Belasteten begnadigt, meist wird gar nicht erst nachgefragt. Dieses Nebeneinander fällt auf, ist unangenehm, verleiht der Schau aber eine besondere Spannung und eine weitere Komponente. Es macht den nahtlosen Übergang von der NS-Diktatur zur BRD-Gesellschaft deutlich - und die Schau umso sehenswerter. "Ein Higlight", wie SPD-Schatzmeisterin Barbara Hendricks anlässlich der Eröffnung sagt.

"Liselotte Strelow 1908-1981. Retrospektive", Willy-Brandt-Haus, Stresemannstr. 28, 10963 Berlin, Di. bis So. 12 bis 18 Uhr. Eintritt frei, Ausweis erforderlich, bis 20. Oktober 2010

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