Neun Wissenschaftler untersuchen in "Antisemitism in Eastern Europe. History and Present in Comparison" antisemitische Vorurteile und judenfeindliche Haltungen. Ihre Analyse reicht vom Baltikum bis zum Balkan, sie umfasst die Staaten Polen, Tschechien, Ungarn, Lettland, Litauen, Sowjetunion/Russland, Rumänien und Jugoslawien sowie dessen Nachfolgestaaten. Herausgeber des Standardwerkes sind die renommierten Wissenschaftler Hans-Christian Petersen (Universität Mainz) und Samuel Salzborn (Universität Giessen). Erschienen ist es im Rahmen der Reihe "Politische Kulturforschung" der Peter Lang GmbH, des "Internationalen Verlages der Wissenschaften" (Frankfurt/Main).
Antisemitismus in Ungarn, Russland und Polen
Schwerpunkte antisemitischer Umtriebe liegen in Ungarn, Polen und Russland, wie der Sammelband darlegt: In Ungarn befeuern sich christlich motivierter Antisemitismus, pseudowissenschaftlicher rassistischer Antisemitismus, Post-Holocaust-Antisemitismus und antizionistischer Antisemitismus gegenseitig. Alle vier Formen, so Magdalena Marsovszky, haben in Ungarn ihre Anhänger.
In Russland hat der Antisemitismus eine lange Tradition. Hier entstand der klassische Text der sogenannten jüdischen Weltverschwörung: "Die Protokolle der Weisen von Zion". Seine Hochblüte erlebte der Antisemitismus in Russland immer wieder in den Zeiten politischer Krisen. Dazu zählt Hans-Christian Petersen die Erschießung Alexander II., die Russische Revolution 1905, beide Weltkriege und den Kollaps der Sowjetunion. Heute gehören weniger als 0,2 Prozent der russischen Bevölkerung der jüdischen Religionsgemeinschaft an. Ende des 19. Jahrhunderts waren es dagegen noch rund vier Prozent.
Positiv wertet Klaus-Peter Friedrich die Tatsache, dass in Polen die Gruppe jener, die "gegen Antisemitismus" gerichtet ist, in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen ist: von acht Prozent im Jahr 1992 auf 15,7 Prozent im Jahr 2002.
Holocaustleugner in Tschechien und Ex-Jugoslawien
Verstärkte Aktivitäten von Holocaustleugnern in Tschechien registriert Michal Frankl. Die Antisemiten wollen mit der Zusendung antisemitischer Hetzschriften - besonders an Schulen - neue Anhänger für ihre Sache rekrutieren. Sich in den Mainstream der Politik einzuschleichen, ist ihnen dabei jedoch nicht gelungen.
Sowohl Juden als auch Roma zählen zu den Opfern der Geschichte nach dem Tod Titos und dem Zerfall des einstigen Jugoslawien, wie Chaim Frank darstellt. Im Kosovo, Slowenien oder Mazedonien leben heute kaum noch Juden. Bosnien-Herzegowina hat von den jugoslawischen Nachfolgestaaten am wenigsten antisemitische Umtriebe zu verzeichnen. In Kroatien dagegen stand eine Übersetzung der "Protokolle der Weisen von Zion" über Monate hinweg auf der Bestsellerliste.
Weder eine nennenswerte jüdische Geschichte noch eine nennenswerte jüdische Gemeinde kann Montenegro vorweisen. Dennoch ist in diesem Land Antisemitismus immer wieder in einigen Medien präsent. Der Anteil der Bevölkerung mit einer negativen Haltung Juden gegenüber sank jedoch im Vergleich von 1994 zu 2001 von 21 auf 12 Prozent.
In Rumänien haben der Hass und die Agitation gegen Juden abgenommen. Zentrales Feindbild, so Mariana Hausleitner, ist nun die Bevölkerungsgruppe der Roma.
Jüdische Gemeinden in Lettland
Svetlana Bogojavlenska schildert, dass in Lettland antisemitische Vorurteile in der Bevölkerung präsent sind, jedoch keine bedeutende Rolle im täglichen Leben spielen. Ein aktives jüdisches Gemeindeleben findet in den litauischen Städten Vilnius und Kaunas statt. Entsprechende Sicherheitsmaßnahmen für die Gläubigen sind jedoch im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Staaten nicht erforderlich. Mordechai Zalkin registriert, dass es in Litauen kaum antisemitische Übergriffe gibt.
Samuel Salzborn stellt abschließend fest, dass die ehemals sowjetischen Staaten den Holocaust oftmals politisch instrumentalisierten. Juden, die Hauptopfergruppe des NS-Terrors, waren auch nach 1945 immer wieder Anfeindungen ausgesetzt. Antisemitismus wurde in Osteuropa originär und ausschließlich als Ideologieelement des Nationalsozialismus verstanden. Dies ermöglichte der "realsozialistischen" Politik, antisemitisch gegenüber Israel aufzutreten - Antisemiten waren, nach diesem Verständnis, nur die Nazis.
Jedem Länderkapitel folgt in dem Sammelband "Antisemitism in Eastern Europe" ein umfangreicher Apparat an Bibliographien. Dies erleichtert eine weitere Auseinandersetzung mit der Geschichte und Gegenwart des Antisemitismus des jeweiligen Landes. Wünschenswert ist, dass der Verlag dieses Standardwerk auch in deutscher Sprache herausgibt. Nur so kann das Nachschlagewerk den Weg aus dem wissenschaftlichen Elfenbeinturm zu gesellschaftspolitisch Interessierten außerhalb der Universitäten finden.
Hans-Christian Petersen / Samuel Salzborn (Hrsg.): "Antisemitism in Eastern Europe. History and Present in Comparison", Peter Lang GmbH, Internationaler Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main, 2010, 245 Seiten, 39,80 Euro, ISBN 978-3-631-59828-3







