Die 2005 zum ersten Mal erschienene Studie " Der deutsche Gruß. Geschichte einer unheilvollen Geste" von Tilmann Allert, Professor für Soziologie und Sozialpsychologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main, liegt nun in einer überarbeiteten Taschenbuch-Ausgabe des Reclam-Verlages vor. Auf 129 Seiten analysiert Allert den Gruß mit der elliptischen Formel "Heil Hitler" und dem synchron dazu in Augenhöhe ausgestreckten rechten Arm bei geöffneter Handfläche.
Die BRD im Schatten des Hitlergrußes
Allert schreibt die Geschichte dieser Grußformel und untersucht, wie sie entstanden ist und verbreitet wurde. Er legt dar, was sie eigentlich meinte und analysiert die Voraussetzungen für ihre innere Annahme. Außerdem beschreibt der Autor Formen der Verweigerung und des Kompromisses. Abschließend geht Allert der Frage nach, welch langen Schatten der Hitlergruß auf die spätere Bundesrepublik geworfen hat.
Die Bereitschaft zum Hitlergruß resultierte unter anderem aus dem Wunsch, der Krise des nationalen Selbstgefühls, die nach der Niederlage des Deutschen Reichs im Ersten Weltkrieg und den Versailler Verträgen entstanden war, ein Ende zu bereiten. Der Gruß fungierte als Verpflichtung nach innen und demonstrative Geste nach außen. Zudem festigte er die Anerkennung von Hitlers durchgesetztem Führungsanspruch.
Verfolgung von Grußverletzungen
In seiner Sinnstruktur verkörperte der Gruß, wie Allert schlüssig erklärt, zentrale Elemente der NS-Interaktionsordnung. Er kombinierte die Selbstdarstellung und die Überformung des Selbstentwurfs durch die strenge Hierarchie mit einer Erlösungserwartung und der Idee einer allgemeinen sittlichen Erneuerung. "Nach Niederkämpfung des Parteienstaates ist der Hitlergruß zum Deutschen Gruß geworden", hieß es 1933 in einem Rundschreiben des Reichsministers des Innern an die obersten Reichsbehörden.
Damit, so Allert, war das "bisherige Grüßen als eine Technik der Herstellung von Selbstverständlichkeit getilgt, vertraute Kommunikationsräume" erhielten eine "verordnete Rahmung." Menschen, die den Gruß verweigerten, wurden inhaftiert und in Konzentrationslager gesperrt. 1934 bildeten das "Heimtückegesetz" und Sondergerichte den Hintergrund für die strafrechtliche Verfolgung von Grußverletzungen.
Messianischer Bann
Allert legt dar, dass besonders in den ersten Jahren der Machtkonsolidierung der Hitlergruß bereitwillig und in einem hohen Maße praktiziert wurde. Später geriet dieser pathetische Ritus in den "Sog der Gewöhnung" und war "mehr belanglose Routine" denn "glühendes Bekenntnis". Mit Beginn des Krieges ließ die Konformität zum Hitlergruß nach. Dennoch galt er in seinem magischen Potential als verletzbar, so dass er einzig den durch den messianischen Bann privilegierten Mitgliedern der deutschen Volksgemeinschaft vorbehalten sein musste. So dokumentiert das 1937 ergangene Grußverbot für Juden die implizite Sakralität und zugleich soziale Exklusivität der Geste.
Wer heute den Gruß in der Bundesrepublik entbietet, wird strafrechtlich verfolgt. Dennoch führt der Hitlergruß weiterhin in Neonazi-Kreisen ein Eigenleben. Ein "stummes Fortleben des Grußes" findet sich auch in der Buchstabenfolge "HH" und der Ziffer "88", die den achten Buchstaben im Alphabet aufgreift und auf die Grußformel "Heil Hitler" anspielt.
Tilman Allert: "Der deutsche Gruß. Geschichte einer unheilvollen Geste", Reclam Taschenbuch, Stuttgart, 2010, 129 Seiten, 8,95 Euro, ISBN 978-3-15-020191-6







