Einfühlsam, historisch kundig, in den aktuellen Fragen der deutsch-polnischen Beziehungen bewandert, stilistisch klar und auch anrührend, beschreibt Katarina Bader ihre verschlungenen Wege.
Die geht sie beharrlich - um Klarheit zu erhalten, um Perspektive zu gewinnen, um zu verstehen (nicht "nur" das individuelle Leben von Jurek sondern auch die ihn prägende Zeit im
Nachkriegseuropa) und um zu Versöhnung beizutragen.
Bewegende Erinnerungsstücke
Jurek, 50 Jahre älter, bewegt sie - auch wegen seiner authentischen Schilderungen der schrecklichen Erfahrungen im KZ und seiner kritische Deutung der deutschen Gruppen, die im Rahmen von
"Aktion Sühnezeichen" seit Ende der sechziger Jahre die Gedenkstätten in Polen besuchten und die er von staatlicher Seite zu begleiten hatte - ihre eigene (noch kurze) Biografie und die
politische Entwicklung nach 1945 zu begreifen. Erinnerung wird durch Erzählung gegenwärtig. Geschichte wird verständlich durch den Dialog. "Erinnerungsstücke" reihen sich aneinander und
vervollständigen das Bild, das sich jedoch immer wieder verändert. So wie sich das Leben im Wandel befindet.
Heilsame Therapien
Das Buch ist ein Beispiel dafür, wie umfassendes und vielfältiges Erzählen zur Therapie wird: Nicht umsonst zitiert Katarina Bader eine außergewöhnliche Würdigung der von "Aktion
Sühnezeichen" in den achtziger Jahren initiierten Internationalen Jugendbegegnungsstätte Auschwitz (die viel zu ihren Recherchen beigetragen hat). Leszek Szuster, der Leiter des Hauses, empfindet
diese Stätte als ein "heilsames Haus", weil dort Begegnung im ganzheitlichen Sinn stattfindet - und schließlich auch zur "Heilung" von Jureks tiefen Wunden beiträgt.
So ist das Buch ein heilsames Werk, ein Therapeutikum - für das Nachschreiten des Lebensweges, für die Begegnung der Generationen, für die schwierige aber verheißungsvolle Freundschaft
zweier Völker, für die heranreifende Versöhnung bis hin zur alltäglichen Normalität (Katarina Bader preist die polnische Küche!). Es steht für ein vielschichtiges Verständnis von Wahrheit und
geschichtlichen Fakten (wie "werden" Geschichten und wie wird Geschichte empfunden bzw. interpretiert?). Und es ist Anregung, das Erzählen selbst zu erlernen! Und zwar das Erzählen als Beitrag
zur politischen Bildung und zur eigenen Bewusstwerdung.
Angemessene Orte
Die Autorin schreibt äußerst sensibel, mitunter auch - zwar versteckt aber greifbar - religiös (Katarina Bader gibt eine durchwachte Nacht wider und bedient sich dabei plötzlich einer
säkularen Gebetssprache!). Sie leuchtet verschiedene Persönlichkeiten aus, tut dies aber nicht voyeuristisch entlarvend. Sie ist akribisch leidenschaftlich, ehrlich zu sich, ihren zahlreichen
Gesprächspartnern und ihrem vertrauten Jurek sowie den Leserinnen/Lesern, die ihr zahlreich zu wünschen sind. Die Oberstufen der Gymnasien, das lernbereiten Umfeld der Privatlektüre, kirchliche
Erwachsenenbildung und Volkshochschulen sowie literarische und politische Lesungen - wie während der Buchmessen in Leipzig geschehen - sind der äußere Ort, an dem das Buch seinen angemessenen
Platz haben sollte. Der innere politische und pädagogische Ort eröffnet sich in allen Brennpunkten des Lebens, wo wir uns mit uns selbst, mit Niederlagen und Schuld, mit unserer Geschichte und
mit unseren Hoffnungen auseinander zu setzen haben.
Katarina Bader: Jureks Erben - Vom Weiterleben nach dem Überleben, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010, 19,95 Euro , ISBN 978-3-462-04200-9







