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Das Leben, eine Kammer

Birgit Güll • 10. September 2010

Aufbau Verlag
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Hermann Mildt ist ein ehemaliger Polizeibeamter, ein engstirniger Kleinbürger. Er wohnt allein in Berlin, seine Frau ist tot. Er ließ sie tagelang im Garten liegen. Seit sie nicht mehr lebt, ist er pensioniert. Über all das spricht er nicht, schon gar nicht mit Jana Potulski. Die Polin ist um die 50, er hat sie durch einen Zufall kennengelernt: Beide hatten keine Fahrscheine - Hermann Mildt nicht, weil er für verspätete Züge nicht bezahlt, Jana Potulski nicht, weil ihr Geld und Papiere gestohlen wurden.

Das ist auch der Grund warum sie nicht nach Polen reisen kann, wie sie erklärt. Sie quartiert sich, kurzerhand und sehr energisch, bei Hermann Mildt ein, dringt in ein Leben vor, das von strengen Regeln und selbst auferlegten Zwängen geprägt ist. Täglich geht der alte Mann los um zu fotografieren, täglich packt er seine Tasche: "Die Brote, zwei Mett, zwei Schmelzkäse, hatte er in Wachspapier verpackt, sie gehörten in die Lücke zwischen Kanne und Taschenwand." Abends entwickelt er die Bilder, später verstaut er sie in Schubern. Er braucht "sechs pro Jahr, je einen für zwei Monate. Er bestellt sie immer zur Weihnachtszeit, als Sonderangebot". Die Frau stört diese Abläufe.

Kleinbürger bei der Grenzüberschreitung

Allem Fremden misstraut Hermann Mildt. Jana Potulski ist da keine Ausnahme, doch sie ist seinem Kontrollzwang ausgesetzt. Die Geschichte, dass sie als Putzfrau in Rheinsberg arbeitet und die Familie bei der sie putzt, gerade verreist sei, scheint ihm dubios. Täglich sucht er in den Brandenburg-Seiten seiner Zeitung und in den Polizeinachrichten nach unaufgeklärten Verbrechen. Doch abends, wenn sie aus dem Bad kommt, darf Hermann Mildt die Brüste von Jana Potulski anfassen. Er tut das so fasziniert wie angeekelt, ein Kleinbürger bei der Grenzüberschreitung. Sie lässt es über sich ergehen.

Jana Potulski nimmt den autoritären Charakter des alten Mannes hin, putzt seine Wohnung und kocht. Aber sie verlangt ein gewisses Maß an Respekt, verlangt es lautstark. Sie lässt sich viel gefallen, nicht alles: "Pommersche Kartoffelsuppe", sagt der in Stettin geborene Hermann Mildt. "Wenn ich sie koche, heißt sie polnische Kartoffelsuppe", erklärt sie. Als es ihr reicht, bricht sie aus: "Parasit", brüllt der Alte ihr hinterher, "polnische Geschmeißfliege". "Herrenmensch", brüllt Jana Potulski zurück. Sie läuft weg und kommt aber zurück, ist ihm ausgeliefert.

Ihm, der in seinen Schubern Fotos von seiner toten Frau aufbewahrt. Ihm, der es kaum erträgt, nicht Herr der Lage zu sein. Inger-Maria Mahlke erzählt aus Hermann Mildts Blickwinkel. Es ist die Innenansicht eines Lebens, das weder Veränderung noch Nähe erträgt. "Er verschickte jedes Jahr eine Fünferpackung Weihnachtsgrüße und erhielt ungefähr die gleiche Anzahl an Karten zurück. Korrespondierte regelmäßig mit der tschechischen Firma, von der er sein Fotopapier bezog. Grüßte sich mit fast allen Nachbarn. Wenn er wollte, konnte er seine ehemaligen Kollegen anrufen, er wollte nur nicht."

Meisterhaftes Kammerspiel

Jana Potulski ist nicht der platte Gegenpol vor dem Mahlke ihre Hauptfigur zeichnet. Sie ist die zweite handelnde Figur neben dem Misanthropen Hermann Mildt, der an der polnischen Frau seine Machtphantasien ausleben will - um jeden Preis. Das ist der Grund, warum sie bleiben soll und "bekennen, dass sie schlecht war, und tun, was er sagte. Mehr wollte er nicht."

Die junge Autorin erzählt detailreich, verliert sich aber keine Sekunde darin, denn ihre Beschreibungen sind kein Selbstzweck. Sie sind die Essenz ihres kammerspielartigen Romans, sie machen ihn so unglaublich dicht, machen Hermann Mildts paranoide Kleingeistigkeit erfahrbar. Die Räume sind im wahrsten Sinne des Wortes eng, das steigert die Intensität in diesem meisterhaft erzählten Spiel um Macht und Unterdrückung.

Inger-Maria Mahlke: "Silberfischchen", Aufbau Verlag, Berlin, 199 Seiten, 16,95 Euro, ISBN 978-3-351-03309-5

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