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Icon   Rezension, Jürgen Roth „Gangsterwirtschaft"

Kapital und Verbrechen

Dorle Gelbhaar • 07. September 2010

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Es ist nicht so einfach, dieses informative Buch zu lesen. Das liegt wohl in der Natur der Sache. Der 1945 geborene Autor begibt sich mitten hinein in die internationale Finanzwelt, in der Legales und Illegales seinen Darlegungen zufolge tendenziell immer stärker miteinander verknüpft sind. Dies zu beweisen offeriert er eine geradezu verwirrende Vielzahl von Daten und Namen aus der Wirtschafts- und Finanzwelt. Er durchleuchtet Transaktionen großen Umfanges, legt Wege von Kapitalströmen offen. Und er spricht Klartext, auch und gerade wenn es um Namen geht, die scheinbar für die Undurchsichtigkeit von Kapitalquellen stehen.

Fakten und Zitate muss Roth reichlich notieren. Schließlich steht er unter dem Druck, alles belegen zu müssen, was er vorbringt. Und da gibt es immensen Sprengstoff. Grund genug, sehr sorgfältig zu recherchieren!

Organisierte Kriminalität und normale Gesellschaft

Schon in dem 2009 erschienenen Vorgänger-Buch "Mafialand Deutschland" untersuchte Roth, wie sich die internationale Mafia in die ganz normale Gesellschaft hinein gräbt. Er zeigte auf, wie dazu gesellschaftliche Umbrüche genutzt wurden. So seien etwa in einige industrielle Bereiche Ostdeutschlands offenbar Gelder aus der organisierten Kriminalität investiert und damit "gewaschen" worden. An diese gewonnenen Erkenntnisse knüpft das neue Buch an. Und bleibt dabei durchaus nicht bei den neuen deutschen Bundesländern stehen.

Opel-Werke, Werften, Nürburgring: Hier werden keine Nebenschauplätze verhandelt. Steht die Existenz eines großen Unternehmens zur Disposition, so gehen mitunter nicht nur Wirtschaftslenker, sondern auch Politiker in die Spur. Bei der Suche nach Investoren könnten schließlich auch Steuergelder auf dem Spiel stehen, die für die betreffenden Regionen wichtig sind. Roth fordert deshalb Transparenz an den Schnittstellen von Politik und Wirtschaft. So könnten der organisierten Kriminalität Tür und Tor versperrt werden.

Er warnt davor, dem Wunsch nach dem Zustandebringen großer Projekte über Gebühr nachzuhängen. Es müsse genau hingeschaut werden, wer sich hinter dem benötigten Geldgeber verberge und woher dessen Gelder kämen. Nur so könne "Geldwäsche" vermieden werden.

Genau hinschauen bei Rettungs-Aktionen

Dabei sei es durchaus hilfreich, sich über das Vorleben und das Gebaren von Großinvestoren zu informieren. Als Beispiele nennt Roth die Biographien des russischen Oligarchen Oleg Deripaska und des in Kasachstan strafrechtlich verfolgten Ex-Politikers und jetzigen Geschäftsmanns Rakhat Alijew. Letzterer habe Korruption in beträchtlichem Ausmaß sogar zugegeben. Ihre Namen tauchen mehrfach auf, wo internationale Geschäfte offen gelegt werden, bei denen große Vermögen schwer nachvollziehbarer Herkunft transferiert wurden.

Ein großes deutsches Unternehmen zu retten, mag eine ehrenwerte Absicht sein. Aber die beste Absicht reicht nicht, wenn der kurzfristige Erfolg langfristig die sozialen Probleme in der Region weiter verschärft und womöglich der Staat selbst in Bedrängnis gerät. Was nutzt es, wenn am Ende kleine ehrbare ortsansässige Unternehmen und die Steuerzahler die Zeche zahlen?

Am lebendigsten schreibt der Autor, wenn er sich konkreten Fällen widmet, wie dem des Niedergangs der ehemaligen Rostocker Warnow-Werft.

Jürgen Roth: "Gangsterwirtschaft. Wie uns die organisierte Kriminalität aufkauft", Eichborn Verlag, Frankfurt am Main, 2010, 320 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-8218-5680-3

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