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„Von Ribbentrop zu Springer“

Anton Maegerle • 14. August 2010

Tectum Verlag
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Im Dienst des NS-Regimes
Paul Karl Schmidt (1911-1997) alias Paul Carell steht stellvertretend für die vielen Nationalsozialisten, die in der Bundesrepublik problemlos und ohne je Reue gezeigt zu haben, eine steile Karriere machten. Der promovierte Psychologe Schmidt ist mit knapp 29 Jahren als Pressesprecher von Außenminister Joachim von Ribbentrop jüngster Ministerialdirigent und Gesandter I. Klasse des NS-Regimes. 350 Personen hören auf sein Kommando. Er hat "nicht nur grundsätzlich vom Holocaust gewußt und sich an diesem aktiv propagandistisch beteiligt", sondern hat an der "Verschleierung mitgewirkt", wie Plöger nachweist.

Damit "tritt Schmidt von der Sphäre des reinen Propagandisten in die des mithelfenden Schreibtischtäters". Im Vorfeld der geplanten Deportation der Budapester Juden im Mai 1944 unterbreitet er Propagandavorschläge zu deren Verschleierung. Er regt an, "daß man äußere Anlässe und Begründungen für die Aktion schafft, z.B. Sprengstoffhunde in jüdischen Vereinshäusern und Synagogen, Sabotageorganisationen, Umsturzpläne, Überfälle auf Polizisten, Devisenverschiebungen großen Stils mit dem Ziele der Untergrabung des ungarischen Währungsgefüges."

Karriere in Nachkriegsdeutschland

Ab 1948, nach seiner Freilassung aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft, arbeitet Schmidt hauptsächlich unter dem Namen Paul Carell als politischer Journalist. Eine namentlich "grundsätzliche Abkehr" von nationalsozialistischem Gedankengut und "ein positives Bekenntnis zur Demokratie" kann Plöger nicht feststellen. Trotz der Tatsache, dass die Zeitung "Die Welt" 1947 die Propagandavorschläge Schmidts vom Mai 1944 öffentlich machte, konnte er für einflussreiche Printmedien wie "Die Zeit", "Kristall", "Der Spiegel" und selbst "Die Welt" arbeiten.

Seine vielgelesenen Serien über die "großen Schlachten" des Zweiten Weltkriegs, veröffentlicht in der Zeitschrift "Kristall", waren die Basis für geschichtsrevisionistische Machwerke wie "Unternehmen Barbarossa. Der Marsch nach Russland". Die unter dem Namen Paul Carell veröffentlichten Bücher verkauften sich über 2,5 Millionen Mal und wurden in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt. Der positiven Stilisierung deutscher Soldaten und Generäle stellte Schmidt alias Carell spiegelbildlich die negative Überhöhung ihrer Gegner gegenüber - vor allem der Soldaten der Roten Armee, wie Plöger erläutert.

Geklittertes Geschichtsbild bis heute wirkmächtig

Der Autor legt offen, dass Schmidt in seinen Büchern ein stark geklittertes Geschichtsbild vom "Dritten Reich" und dem Zweiten Weltkrieg, "das bis heute wirkmächtig ist", vermittelt. So nannte das Heeresamt der Bundeswehr in seiner Publikation "Hilfen für den Gefechtsdienst" - das bis vor kurzem zu Ausbildungszwecken genutzt wurde - Schmidts/Carells "Unternehmen Barbarossa" als Quelle. Unter seinem Pseudonym war Schmidt der erfolgreichste Autor auf seinem Gebiet und ein anerkannter Geschichts- und Militärexperte mit besten Beziehungen zu Militärs und dem Bundesnachrichtendienst.

Daneben wirkte er als Berater und oberster Sicherheitschef des Verlegers Axel C. Springer. Für ihn organisierte Schmidt unter anderem Personen- und Abhörschutz sowie bauliche Veränderungen in Verlags- und Privathäusern. Außerdem verfasste er Reden und Artikel für den Verleger.

NS-Lügen in der Bundesrepublik

Plöger dokumentiert, dass Schmidt einer der Erfinder der Mär vom "Präventivkrieg gegen die Sowjetunion" ist. Als Pressechef von Hitlers Auswärtigem Amt propagierte er diese in der Auslandsillustrierten "Signal". Sie erschien in zwanzig Sprachen, in Millionenauflage. 1953 wiederholte Schmidt das Lügengespinst in "Kristall" im Rahmen seiner Serie "Die dramatischen Höhepunkte im 2. Weltkrieg". Als "herausragend" wertet Plöger Schmidts Einfluss auf die Nachkriegsrezeption des Reichstagsbrandes. Schmidt lancierte am 16. Januar 1957 im "Spiegel" die These vom Alleintäter Marinus van der Lubbe, der den Reichstag am 27. Februar 1933 in Brand gesetzt habe. Inzwischen wird die Einzeltäterthese für eher unwahrscheinlich gehalten.

Zu seinem 80. Geburtstag im Jahr 1991 lobte die rechtsextreme Monatszeitschrift "Nation & Europa" Schmidt überschwänglich. Das fremdenfeindliche Blatt befand, dass sich Schmidts Publikationen "vor allem durch ihre objektive Berichterstattung" auszeichnen. Politisch engagierte er sich unter anderem als Gründungsmitglied des unionsnahen "Studienzentrums Weikersheim" und der Hans-Filbinger-Stiftung. Bis kurz vor seinem Tod griff Schmidt/Carell für das revanchistische "Ostpreußenblatt" zur Feder. Außerdem gehörte er zu denVorstandsmitgliedern der SPD-feindlichen "Deutschland-Stiftung". Diese verlieh dem Bundeskanzler und CDU-Vorsitzende Helmut Kohl am 19. Juni 1994 den "Konrad-Adenauer-Freiheitspreis".

Christian Plögers Arbeit zu Paul Karl Schmidt bewertete die Universität Münster im Februar 2009 mit "magna cum laude". Im Tectum Verlag liegt sie nun als Buch vor. Schmidts alias Carells "Arbeitsplatz" war "der Schreibtisch, seine Worte waren seine Waffen", schreibt Plöger. "Er verzweifelte nur kurz am Untergang des 'Dritten Reichs', ohne sich aber von seiner Ideologie zu lösen. Vielmehr nutze er rasch neue Chancen - in einem freiheitlichen und demokratischen Rechtsstaat, zu dem er sich nie so bekannte wie zum 'Volksstaat' Hitlers."

Christian Plöger: "Von Ribbentrop zu Springer. Zu Leben und Wirken von Paul Karl Schmidt alias Paul Carell",Tectum Verlag, Marburg, 2009, 475 Seiten, 34,90 Euro, ISBN 978-3-8288-2136-1

Pionierarbeit in Sachen Paul Karl Schmidt leistete: Wigbert Benz: "Paul Carell. Ribbentrops Pressechef Paul Karl Schmidt vor und nach 1945", wvb Wissenschaftlicher Verlag Berlin, 2005

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