Wenn es aussagefähige Indikatoren für eine fehlende Förderung in Deutschlands Schulen gibt, so sind es die Quoten von Klassenwiederholungen, der Anteil von Schülerinnen und Schülern, die in
separaten Förderschulen lernen, sowie - nicht zuletzt - das Ausmaß privat finanzierter Nachhilfe. Im Auftrag der Bertelsmann Stiftung sind deshalb in den Jahren 2009 und 2010 drei Studien
entstanden, welche die Situation in den Schulen auf der Basis von internationalen und nationalen Daten differenziert beschreiben.
Sitzenbleiben ist pädagogisch unsinnig
Alle verfügbaren und bei einer methodenkritischen Überprüfung belastbaren empirischen Studien zeigen, dass Klassenwiederholungen mit Blick auf die Kompetenzentwicklung weder für
leistungsschwache noch für leistungsstärkere Schülerinnen und Schüler förderlich sind. Wie anders wäre es erklärbar, dass mit Baden-Württemberg und Bayern zwei Bundesländer, die in
internationalen Studien leistungsmäßig in etwa gleich stark sind, mit ihren Wiederholer-Quoten im innerdeutschen Ländervergleich sowohl an der Spitze (Bayern: 3,2 Prozent der Schülerinnen und
Schüler an allgemeinbildenden Schulen) als auch am Ende (Baden-Württemberg: 1,4 Prozent) liegen?
Gleichwohl nimmt das »Sitzenbleiben« im deutschen Schulalltag nach wie vor einen breiten Raum ein. Im Schuljahr 2008/09 blieben etwa 184.000 Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildenden
Schulen sitzen. Das entspricht einem Anteil von 2,2 Prozent. Die Bedeutung von Klassenwiederholungen für den Schulalltag wird aber erst deutlich, wenn an Stelle der Quoten der Wiederholungen
eines Jahres jene Quoten betrachtet werden, die angeben, wie hoch der Anteil der Schülerinnen und Schüler ist, die bis zum Ende der Pflichtschulzeit im allgemeinbildenden Schulwesen mindestens
einmal eine Klasse wiederholt haben: Ausweislich der PISA-Studie 2003 waren dies mit 23,1 Prozent nahezu ein Viertel aller 15-Jährigen.
Die sehr verbreitete, von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich genutzte und - was die Zielsetzung der Leistungssteigerung angeht - weitgehend unwirksame Maßnahme des Klassenwiederholens
verursacht in Deutschland Jahr für Jahr Ausgaben mit einem Gesamtvolumen von etwa 0,8 Milliarden Euro.
Eine Schulart, die wenig Perspektiven bietet
Die noch weit härtere Variante des »Wegschickens« von Kindern und Jugendlichen, die den Leistungsanforderungen einer Klasse oder auch einer Schulart nicht gerecht zu werden scheinen, ist
die Überweisung in die Förderschule. Zwar trägt die frühere Sonderschule heute als einzige Schulart den Förderauftrag im Namen, doch diesem Anspruch wird sie kaum gerecht.
Denn Förderschülerinnen und -schüler schaffen in ihrer Mehrheit nicht die Rückkehr in eine Regelschule. Auch erreichten von den Absolventinnen und Absolventen der Förderschulen 2008/09 76,3
Prozent keinen Hauptschulabschluss.
Wie nationale und internationale Studien belegen, ist das Förderpotenzial von Förderschulen besonders gering. Oft fehlen den Schülerinnen und Schülern die Anregungen für bessere Leistungen,
weil es in den Klassen an Vorbildern mangelt.
Förderschulen sind in vielen anderen Staaten unbekannt oder nur wenig verbreitet. Im EU-Durchschnitt lernen mehr als 70 Prozent der Kinder mit Behinderung an einer ganz normalen Schule. In
Deutschland werden dagegen 393.500 Schüerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf in eigens für sie betriebenen Schulen unterrichtet; lediglich etwa 88.900 werden in den
Regelschulen integrativ unterrichtet.
Die Diagnose über die Notwendigkeit einer sonderpädagogischen Förderung füllt in den Bundesländern erstaunlich unterschiedlich aus: Im Schuljahr 2008/09 wurden in Deutschland 6 Prozent der
Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen eins bis zehn sonderpädagogisch betreut - in Förderschulen oder in allgemeinen Schulen. In Mecklenburg-Vorpommern waren es 11,7 Prozent, in
Rheinland-Pfalz dagegen nur 4,3 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, in Mecklenburg- Vorpommern in Förderschulen oder in allgemeinen Schulen als Schüler oder Schülerin mit besonderem Förderbedarf
idenifiziert zu werden, ist damit 2,5-fach höher als in Rheinland-Pfalz.
Wenngleich die Unterrichtung von Kindern und Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf in getrennten Schulen wenig zielführend ist, erfordert sie hohe Ausgaben. Für die knapp
400.000 Schülerinnen und Schüler, die im Schuljahr 2007/08 in Deutschland ihren Unterricht separiert in Förderschulen erhielten, gaben die Bundesländer allein für zusätzliches Lehrpersonal etwa
2,6 Milliarden Euro aus.
Nachhilfeunterricht - eine teure Alternative
Von den Defiziten bei der individuellen Förderung von Schülerinnen und Schülern in Deutschland lebt der Markt für Nachhilfeunterricht. Bundesweit erhalten etwa 1,05 Millionen der Kinder und
Jugendlichen Nachhilfeunterricht - etwa ein Viertel von ihnen in dafür privatwirtschaftlich betriebenen Institutionen und die übrigen drei Viertel von Lehrpersonal, von Studierenden oder von
Schülerinnen und Schülern.
Bemerkenswert ist, dass Nachhilfeunterricht nicht nur von Leistungsschwachen in Anspruch genommen wird, sondern auch von Kindern und Jugendlichen, die im mittleren und oberen Notenspektrum
liegen. Viele wollen durch den Nachhilfe unterricht ihre Aussichten auf den Übertritt an eine höhere weiterführende Schule, auf eine gute berufliche Ausbildung oder auf einen Studienplatz
verbessern.
Deutschlandweit summieren sich die finanziellen Mittel, die für Nachhilfeunterricht jährlich aufgewendet werden, auf etwa 930 bis 1.450 Millionen Euro, wobei der erste Wert eine
konservative Schätzung darstellt und somit als Untergrenze und der zweite Wert als Obergrenze interpretiert werden kann.
Die Inanspruchnahme von Nachhilfe mag für den einzelnen Schüler oder die einzelne Schülerin effektiv sein, grundsätzlich aber muss der so stark verbreitete Nachhilfeunterricht als Mahnung
verstanden werden: als Mahnung an den Staat, dass das öffentliche Bildungssystem allen Heranwachsenden einen Schulerfolg ermöglichen muss - zumal ein Großteil der Familien den zusätzlichen
Nachhilfeunterricht nicht privat zu finanzieren vermag.
Intelligent in Bildung investieren
Die zusammengetragenen Belege nicht hinreichender Förderung an Schulen in Deutschland enthalten zugleich auch Hinweise zur Abhilfe. Wenn es einem Bundesland wie Baden-Württemberg gelingt,
mit einer Wiederholer-Quote von »nur« 1,4 Prozent Schulleistungen zu erzielen, die im innerdeutschen Vergleich im Spitzenbereich liegen, könnte die Förderpraxis dort zum Vorbild für andere
Bundesländer werden. An-
statt für Klassenwiederholungen jährlich bundesweit etwa 800.000 Millionen Euro auszugeben, sollten diese Mittel präventiv für individuelle Förderung und zur Vermeidung von
Klassenwiederholungen eingesetzt werden. Immerhin würde diese Ausgaben für die Beschäftigung von 12.000 zusätzliche Lehrkräften ausreichen.
Gleichzeitig sollten die positiven internationalen und nationalen Beispiele, wie Kinder und Jugendliche mit und ohne sonderpädagogischem Förderbedarf von einem gemeinsamen Unterricht
profitieren können, Antrieb und Ermutigung sein, die 2,6 Milliarden Euro, die derzeit für separate Förderschule zusätzlich aufgewendet werden, für integrative Unterrichtung (Inklusion)
einzusetzen - zumal sich die Bundesrepublik durch die Ratifizierung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen dazu verpflichtet hat, alle Schülerinnen und Schülern den
Zugang zu den allgemeinen
Schulen zu ermöglichen.
Die Tatsache, dass privat finanzierter Nachhilfeunterricht Kindern aus sozioökonomisch benachteiligten Familien individuelle Förderung vorenthält, sollte Ansporn für den Ausbau ganztägiger
Schulangebote sein. Denn Ganztagsschulen können ein »Zeitgefäß« sein, innerhalb dessen individuelle Förderung weitaus besser möglich wird.
Der Autor Professor Dr. Klaus Klemm ist einer der bekanntesten Bildungsökonomen Deutschlands und Professor emeritus der Universität Duisburg/Essen. Die in diesem Beitrag genannten
aktualisierten
Daten und Befunde sind ausführlich dokumentiert und belegt in den drei Studien, die Klaus Klemm im Auftrag der Bertelsmann Stiftung erstellte. Sie sind unter den folgenden Titeln
erschienen: Klassen-
wiederholungen - teuer und unwirksam (Gütersloh 2009); Sonderweg Förderschulen: hoher Einsatz, wenig Perspektiven (Gütersloh 2009); Ausgaben für Nachhilfe - teurer und unfairer
Ausgleich für fehlende individuelle Förderung (Gütersloh 2010).
Der Beitrag erschien im Bulletin des
Deutschen Jugendinstituts, 2/2010, Heft 90: Die soziale Seite der Bildung. Wie benachteiligte Kinder und Jugendliche in Deutschland gefördert werden - und
welche Konzepte zukunftsfähig sind. Eine Analyse anlässlich der Prognosen im Nationalen Bildungsbericht 2010.
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